Als die Brille die Kontaktlinsen ablöste

Direkt am Auge getragene Sehkorrekturen sind zwar technisch moderner als Brillen, aber wenn ihre Nachteile überwiegen, kehrt man mitunter doch zur traditionellen Lösung zurück.

Brille und zwei Kontaktlinsen inkl. Verpackung.
Zwei Lösungen für ein und dasselbe Problem.

Als meine Mutter mich im späteren Volksschul-Alter einmal irgendwo auf ein Plakat hinwies und ich nicht lesen konnte, was sie mir zeigen wollte, war im Gegensatz zu meinem Fernblick eines klar: Ich brauchte eine Brille.

Nachdem ich sie nicht ausstehen konnte – gemeint ist die Brille, nicht meine Mutter – und es außerdem noch einen Schimmer Hoffnung gab, dass sich meine Fehlsichtigkeit wieder gibt, trug ich dieses Nasengestell anfangs nur dann, wenn es unbedingt notwendig war; vorwiegend, um im Unterricht entziffern zu können, was an der Tafel geschrieben stand.

Im Freien verwendete ich sie ursprünglich nie. Zwar waren die dortigen Weiten für meine Kurzsichtigkeit besonders ungeeignet, aber als Stubenhocker, der kaum mehr als seinen einstudierten Schulweg unter freiem Himmel zurücklegte, hatte ich auch keinen dringenden Bedarf an gestochen scharfer Sicht im Freien.

Das dachte ich zumindest. Vereinzelt gab es allerdings doch untypische Situationen, in denen ein scharfer Blick mich davor bewahrt hätte, mir im Nachhinein wie Mister Magoo vorzukommen. So verwechselte ich etwa einmal einen braunen Verpackungskarton mit einer Katze und die orangen Blinklichter eines Einsatzfahrzeuges vor einer Tanne mit einem geschmückten Weihnachtsbaum.

Zeichentrickfigur spricht zu einem Kleiderständer.
»Nun denn, mein Herr …« (Bildquelle: Mister Magoo, Folge 1)

Als Gymnasiast spazierte ich einmal vor der Schule entspannt an einem Herrn vorbei, der gerade dabei war, alte Plakate von einem Pfeiler zu entfernen – und war verwundert, warum meine Mitschüler nur in großem Bogen um diesen fleißigen Arbeiter herum gehen wollten. Am nächsten Morgen kam dann einer von ihnen mit seiner Mutter in die Schule und bat mich, ihr von diesem verwahrlosten Kerl zu erzählen, der uns mit einem Messer bedroht hatte …

So hatte ich mir irgendwann angewöhnt, meine verhasste Brille doch dauerhaft zu tragen … wechselte dann aber als Erwachsener recht rasch zu Kontaktlinsen, um sie wieder loszuwerden. Hauptgrund für meine Abneigung war zugegeben meine Eitelkeit – in früheren Jahren sah ich auch ohne Brille schon ausreichend nerdig aus –, aber bald lernte ich auch die anderen Vorzüge von Kontaktlinsen zu schätzen: den entlasteten Nasenrücken, das weitere Blickfeld und eine klare Sicht, die auch bei Regen frei von Tropfen bleibt.

Nichtsdestotrotz bin ich nach vielen Jahren mittlerweile doch wieder von Kontaktlisten abgekehrt. In diesem Artikel erzähle ich, wieso ich heute nicht mehr so begeistert von ihnen bin wie früher.

Unbequeme Brille oder unbequeme Kontaktlinsen?

Zur Vollständigkeit sollte ich erwähnen, dass ich nie ausschließlich Kontaktlinsen getragen hatte. Bedingt durch die ursächliche Eitelkeit trug ich sie vorwiegend unter Leuten; allein daheim war ich dagegen oft bebrillt, weil ich Belinstheit auf Dauer nicht ausgehalten hätte.

Als reiner Brillenträger hatte ich zwar oft unangenehme Druckstellen an Nase und Ohren, aber stattdessen den ganzen Tag über Fremdkörper in den Augen zu haben, bekommt dem Körper auch nicht so gut. Die meiste Zeit über spürt man die Haftschalen zwar nicht, aber manchmal – insbesondere dann, wenn man sie schon für längere Zeit am Stück trägt – machen sie sich doch unangenehm bemerkbar.

Besonders unbequem wird es, wenn irgendeine Verunreinigung ins Auge kommt. Was man sonst relativ leicht heraus wischen könnte, birgt bei Kontaktlinsen die Gefahr, durch das Herumwischen unter die Linse zu geraten und so erst recht zum Problem zu werden. Und wenn man dann mit den ungewaschenen Fingern spontan die Linse heraus nimmt, riskiert man, noch mehr Schmutz ins Auge zu bekommen.

Da ist eine Brille im Vorteil. Wenn die schmutzig wird, kratzt das nicht im Auge und man kann sie jederzeit problemlos zum Putzen abnehmen – ganz egal, an welchen unredlichen Orten man seine Finger davor hatte.

Nahaufnahme von Staub und Fusseln auf Brillenglas.
Unschön dreckig, aber zumindest nicht unbequem.

Meine persönliche Abwägung der Bequemlichkeit verschob sich erst recht in Richtung Brille, als ich meinen ursprünglichen Glas-Koloss gegen ein leichteres Modell mit extradünnen Kunststoff-Gläsern tauschte. Damit waren die Druckstellen an Nase und Ohren Geschichte.

Links Brille mit dickem, rundem Rahmen. Rechts rahmenlose Brille mit eckigen Gläsern.
Mein ursprüngliches Schwergewicht neben meinem heutigen Leichtgewicht.

Bequem den Finger ins Auge drücken

Die richtigen hygienischen Bedingungen vorausgesetzt – oder auf gut Glück ignoriert –, lassen sich auch Kontaktlinsen relativ schnell einsetzen und herausnehmen, aber es ist gut möglich, dass man anfangs etwas Übung braucht.

Ich wurde einmal konkret gefragt, wie schwierig das Einsetzen ist. Aber das war bei mir persönlich nie ein Problem. Das ungeübte Auge mag zwar sofort mit einem Lidschlag reagieren, sobald es eine Berührung spürt, aber in diesem wortwörtlichen Augenblick ist das Einsetzen ohnehin schon vollbracht.

Viel spannender ist es, die Dinger anschließend wieder heraus zu bekommen, denn dazu muss man länger im geöffneten Auge herum fingern. An den allerersten Tagen hatte mich das jeweils eine halbe Stunde Zeit sowie einen halben Kreislauf-Kollaps gekostet. Erst nach einiger Einübung konnte ich meine Kontaktlinsen jederzeit im Handumdrehen herausnehmen.

Wenn man seinen natürlichen Lidreflex einmal überwunden hat, ist das Einsetzen und Herausnehmen gar nicht so unangenehm, wie man es sich vielleicht vorstellt, weil man zu jedem Zeitpunkt die zarte, feuchte Linse zwischen Finger und Auge hat. Den Unterschied bemerkte ich einmal sehr deutlich, als ich in geistiger Umnachtung meine Kontaktlinsen herausnehmen wollte, obwohl ich gar keine trug. Sich ohne Dämpfer beherzt zwei Finger ins nackte Auge zu drücken, ist ganz klar ein Erlebnis einer anderen Art.

Auch hier hat die Brille klare Vorzüge. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, als Kind eine halbe Stunde zum Abnehmen benötigt zu haben. Und falls ich sie abnehmen will, obwohl ich sie gar nicht trage, drücke ich mir die Finger höchstens an die Schläfen statt ins Auge.

Unbequem für Denkfaule

Zumindest weiche Kontaktlinsen haben auch die unangenehme Eigenschaft, bei ihrer Handhabung umklappen zu können. Als geübter Haftschalen-Jongleur ist mir das zugegeben nicht mehr passiert, aber in der Anfangszeit stand ich häufiger vor der Frage, ob die Linse auf meiner Fingerspitze gerade korrekt ausgerichtet ist. In der einen Stellung sieht sie mehr wie eine Schüssel aus, in der anderen wie ein Teller. Mir erschien damals der Teller naheliegender; daher musste ich erst einmal lernen, dass ich damit falsch lag.

Wenn man das Synonym »Haftschale« kennt, könnte man sich damit als Eselsbrücke merken, dass die Linse wie eine Schale aussehen soll, aber der Gedanke kam mir damals, wo ich ihn gebraucht hätte, leider nicht.

Eine ähnliche Umständlichkeit, die ich bis zum Schluss beachten musste, war die, dass ich auf jedem Auge eine andere Sehstärke habe und daher auch jedes Mal die richtige Linse ins richtige Auge setzen musste. Das Risiko, dass ich mir meine Brille verkehrt auf die Nase setze, war dagegen immer überschaubar.

Gesicht mit verkehrt getragener Brille.
Schaut auf den ersten Blick vielleicht gar nicht mal so verkehrt aus, wie es sich mangels guten Halts anfühlt.

Ebenso überschaubar war die Gefahr, dass ich meine Brille über ihr Haltbarkeitsdatum hinaus trage und dadurch Schäden riskiere. Meine Monatslinsen mussten dagegen – wie schon ihr Name ganz subtil andeutet – einmal im Monat gewechselt werden und hatten auch ein generelles Datum, nach dem sie selbst frisch aus der Originalverpackung nicht mehr verwendet werden sollten.

Verpackung mit der Angabe »2024-06-30« unter der Beschriftung »EXP« bzw. »Use by« mit einem Stundenglas-Symbol.
Nicht bloß ein Mindesthaltbarkeitsdatum als Genuss-Empfehlung wie bei den meisten Lebensmitteln, sondern ein waschechtes Ablaufdatum.

Als ich gegen das Ende hin meine Haftschalen nicht mehr regelmäßig in den Augen hatte, hatte ich auch die Zeit nicht mehr im Auge und kann daher aus erster Hand berichten, dass sich das überschrittene Haltbarkeitsdatum mit einem sehr unangenehmen Traggefühl bemerkbar gemacht hatte.

Nicht zuletzt musste ich mich auch immer rechtzeitig um das Nachkaufen von frischen Kontaktlinsen und Pflegemittel kümmern, während meine Brille einfach nur konsistent und ohne Wartungskosten ihren Job erledigt.

Schlechte Sicht dank Kontaktlinsen

Selbst innerhalb ihrer Haltbarkeitsdauer war meine Sicht mit Kontaktlinsen nicht immer optimal. Oft hatte ich plötzlich einen milchigen Schleier im Blickfeld, der auch mit einem Reiben der Augen nicht immer weg ging. Manchmal war wohl die Luft zu trocken, manchmal hatte ich die Linsen schon zu lange am Stück getragen, und manchmal hatte wohl einfach der Haftschalen-Gott beschlossen, dass es mal wieder an der Zeit für einen Milchblick ist.

Und wie schon gesagt, kann man Kontaktlinsen nicht wie eine Brille immer und überall abnehmen, um sie mal eben zu putzen. Da bleibt die Aussicht dann zwangsläufig bis auf weiteres trüb.

Hände putzen Brille mit derzeit getragenem Hemd.
Eine verschmierte Brille kann ich notfalls jederzeit mit meinem Hemd putzen … oder anderer Wäsche, sofern ich nicht gerade im Adamskostüm unterwegs bin.

Außerdem sehe ich als Kurzsichtiger aus größter Nähe ohne Sehhilfe besser als mit Sehhilfe. Im passenden Licht konnte ich direkt vor dem Einsetzen sogar die Beschriftung auf meinen Kontaktlinsen lesen. An meinen Brillengläsern kann ich jederzeit bequem vorbei schauen, um meine natürliche Sehschärfe zu nutzen, während mich Haftschalen der einzigen scharfen Sicht berauben, die ich von Natur aus habe.

Nahaufnahme einer Kontaktlinse unter starkem Licht. Man sieht die Beschriftung »CIBA X6…«.
Nur unter günstiger Beleuchtung sichtbar: die Beschriftung auf einer Kontaktlinse.

Die Zeiten ändern sich

Was meine Eitelkeit betrifft, bin ich Brillen mittlerweile nicht mehr ganz so abgeneigt wie früher. Immerhin bin ich mittlerweile ein 40 Jahre alter Doktorand – in diesem Umfeld ist so ein Nasenfahrrad nicht mehr so stigmatisierend, wie es für mich als neunjähriger Bursche und als akne-geplagter Teenager war. Da ich mittlerweile im Bereich von Blindenhilfsmitteln arbeite, könnte es ganz im Gegenteil sogar fast schon unverschämt wirken, wenn ich Adleraugen vorgaukle.

Die Kultur im Allgemeinen hat sich seit damals auch verändert. Heute tragen trendige Jugendliche voller Stolz Großmütterchen-Brillen, für die sie zu meiner Schulzeit am Klo eingesperrt worden wären.

Vielleicht wird meine nächste Brille daher sogar wieder ein etwas präsenteres Modell als mein derzeitiger Hauch von Nichts. Das einzige, was mein Ego an Brillen nach wie vor immens stört, ist der Verkleinerungseffekt, den die Gläser auf meine Augen haben. Der ist zwar durch extradünne Kunststoff-Gläser schon minimiert, aber immer noch vorhanden.

Brille etwas weiter vor einem Gesicht gehalten, sodass nur eines der Augen hinter einem Brillenglas liegt und dadurch deutlich kleiner aussieht als das andere Auge.
Comic-Figuren mit Punktaugen waren mir schon immer unsympathisch, aber Brillengläser treiben einen mit zunehmender Kurzsichtigkeit leider in eine ähnliche ästhetische Richtung.

Letztendlich konnte mich diese Abneigung allein nicht mehr vom Brillentragen abhalten. Als ich vor wenigen Jahren dauerhaft ins Home-Office wechselte, fühlten sich die Kontaktlinsen zunehmend nur noch nach einer lästigen Pflicht an, um mich stundenweise in Online-Konferenzen sehen zu lassen. Als mein verbleibender Vorrat vor etwas mehr als einem Jahr dann auch noch abgelaufen war, stand ich vor der Frage, wozu ich überhaupt noch neue kaufen sollte … und habe meine Verzichtsentscheidung bis heute nicht bereut.

Oder zumindest fast nicht. Denn beim Laufsport habe ich gerne möglichst wenig am Körper – auch keine Brille – und so bin ich unlängst in klassischer Mister-Magoo-Manier auf eine wegen Bauarbeiten gesperrte Brücke gelaufen.

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