Apples Touch Bar: Das Beste zweier Welten?

Ein Touchscreen am Laptop ist Unsinn – das hat sich wohl Apple gedacht und ist stattdessen einen etwas eigenwilligen Weg gegangen. Aber ist das Ergebnis wirklich so schlecht wie sein Ruf?

Apple MacBook Pro
Die oberste Tastenreihe ist in Apples Laptop-Flaggschiff MacBook Pro Vergangenheit. Stattdessen findet man dort einen langen, schmalen Touchscreen – die Touch Bar. (Collage, MacBook-Foto: Sonicdrewdriver, CC BY-SA 4.0; Erdfoto: NASA, Public Domain)

Ursprünglich wollte ich mir in diesem Artikel ja das Maul über Apples Touch Bar zerreißen. Das Beste aus beiden Welten sollte sie vereinen, ein Mittelding zwischen Tastatur und Touchscreen sollte sie sein. So wurde etwa in einem Video auf heise.de erklärt, dass man damit in einem Kalender einzelne Wochen »beinahe wie auf einem Touchscreen« auswählen kann. »So ein Schmarrn«, dachte ich mir, »die Touch Bar IST ein Touchscreen, nicht mehr und nicht weniger.«

An dieser Überzeugung hat sich nichts geändert. Der springende Punkt ist bloß: Offenbar hatte bei Apple auch nie jemand etwas Anderes behauptet. Das Original-Zitat über das Beste aus beiden Welten stammt aus einem Interview mit Jony Ive, Chief Design Officer bei Apple. Es bezieht sich nicht auf Tastatur und Touchscreen, sondern auf klassische Laptops und Geräte mit Touchscreen. In diesem Kontext muss ich doch zugeben, dass er zumindest nicht ganz unrecht hat. Aber damit dürfte ich jetzt im Web auf einem recht einsamen Posten stehen, denn die meisten Kommentatoren haben sich bisher sehr wohl das Maul darüber zerissen.

Saft-Bar, Nackt-Bar, Touch-Bar?

Vielleicht fragt sich manch einer, wovon ich hier überhaupt rede. Deshalb kurz zusammengefasst:

Die Touch Bar ist ein Konzept, das bei Apples aktueller Laptop-Reihe namens MacBook Pro in den teureren Ausführungen zur Anwendung kommt. Hier wird die oberste Reihe der Tastatur – also die Tasten »Esc«, »F1« etc. – durch einen langen, schmalen Touchscreen ersetzt. Das ist die sogenannte Touch Bar. Auf ihr können je nach Anwendung unterschiedliche Dinge zur Interaktion angezeigt werden – etwa Schieberegler, Emoticons, Textvorschläge oder einfach nur die Tasten, die sie ersetzt hat.

Die meisten Reaktionen, die man im Web dazu lesen kann, sprühen förmlich Gift um sich – wie das halt im Web meistens so ist. Viele Leute fragen dabei, warum man nicht gleich den Monitor zu einem richtigen Touchscreen gemacht hat. Grundsätzlich eine berechtigte Frage, aber wie sinnvoll ist ein Touchscreen auf einem Laptop wirklich?

Laptop und Touchscreen: Ein kränkliches Duo

Zu Beginn meines Berufslebens im Jahr 2004 war ich schon einmal mit einem PC konfrontiert, der einen Touchscreen hatte. Das war eine Erfahrung aus der Kategorie: Fünf Minuten ganz lustig, danach auf alle Ewigkeiten vergessen, dass diese Funktion überhaupt existiert. Sie brachte einfach absolut keinen Mehrwert. Nachdem ich ständig irgendwelche Daten auf der Tastatur eingeben musste, war diese mein wichtigstes Instrument und für die wenigen anderen Fälle war mir die Maus sowohl räumlich als auch gewohnheitsmäßig näher.

Die Gewohnheit ist natürlich subjektiv. Heute, wo viele Leute mit ihren Touchscreen-Smartphones de facto zusammengewachsen sind, ist die Erwartungshaltung sicher vielfach eine andere. Aber ein Laptop ist kein Smartphone – und hier kommt die Räumlichkeit ins Spiel.

Das erste iPhone war noch ganz bewusst so klein gehalten, dass man jeden Punkt auf dem Display mit dem Daumen der haltenden Hand erreichen konnte. Das ist praktisch. Man braucht nur eine Hand zur Bedienung, hat diese allein durch das Halten des Gerätes schon in der optimalen Position und muss nur geringe Strecken mit dem Daumen zurücklegen.

Bei einem Touchscreen-Laptop ist das anders. Um diesen zu bedienen, muss man den ganzen Unterarm anheben und ausstrecken. Um zwei beliebige Bildschirmstellen zu erreichen, muss man die Hand außerdem deutlich weiter bewegen als mit der Maus (– zumindest, wenn man den Mauszeiger nicht aus Langeweile auf Schneckentempo umkonfiguriert hat). Wer dauerhaft so arbeiten will, bräuchte Oberarme so dick wie Baumstämme.

Umkippender Laptop
Der Klügere gibt nach. Wenn man auf einem Laptop mit Touchscreen kein Feingefühl beweist, muss man damit rechnen, dass er umkippt, umklappt, verrutscht oder wackelt.

Gleichzeitig sollte man aber Feingefühl beweisen. Denn anders als ein in der Hand liegendes Smartphone bietet so ein frei im Raum stehender Touchscreen kaum Widerstand beim Dagegendrücken. Wenn man einfach auf ihn einhämmert, wird der Laptop irgendwann nach hinten kippen oder gar von der gegenüberliegenden Tischkante fallen. Dass die Dinger immer dünner und leichter werden, ist in dieser Hinsicht auch nicht gerade vorteilhaft.

Maus und Touchscreen: Zwei Erzfeinde

Bis jetzt habe ich nur die physischen Eigenschaften eines herkömmlichen Touchscreen-Laptops beachtet, aber auch die Software für so ein Gerät muss einen schwierigen Spagat hinlegen. Steuerung per Touchscreen und Steuerung per Maus bringen nämlich jeweils Design-Anforderungen mit sich, die sich untereinander ähnlich gut vertragen wie Katz' und Maus.

Etwas treffender könnte man auch sagen: Maus und Touchscreen verhalten sich etwa so zueinander wie Kalligraphiefeder zu Fingerfarben oder wie Seziermesser zu Holzhacke. Mit einem Mauszeiger und unendlichem Geschick (oder einer entsprechend geringen Bildschirmauflösung) kann man theoretisch eine pixelgenaue Auswahl treffen, mit seinen Fingern auf einem Touchscreen wird dagegen »Daumen mal Pi« im wörtlichsten Sinn umgesetzt.

Winzige Links zur Seitenauswahl
Des einen Freud, des andern Leid: Viele winzige Links zur Seitenauswahl bringen Mausbenutzern große Flexibilität, aber Fingernutzern bestenfalls Albträume.

Ja, mir ist schon klar, dass man einen Touchscreen grundsätzlich auch mit einem Stylus (Eingabestift) präzise bedienen könnte. Aber weil das heutzutage absolut unüblich ist, muss Software auf die Fingerbedienung optimiert werden. Das bedeutet: Alles, womit man interagieren kann, muss so groß sein, dass der durchschnittlich fette Wurstfinger nicht überfordert wird. Das Ergebnis wäre eine Benutzeroberfläche, die auf wenige Funktionen beschränkt ist, welche aber unverhältnismäßig viel Platz am Bildschirm einnehmen.

Umgekehrt könnte man für eine Mausbedienung unheimlich viele Funktionen auf wenig Platz unterbringen. Das wäre zwar effizient, aber für einen Touchscreen-Nutzer nicht mehr ohne Stylus bedienbar. Maus- und Fingernutzung gleichzeitig zu ermöglichen, bringt daher immer Abstriche bei zumindest einer Eingabemethode mit sich.

Ein Kompromiss namens Touch Bar

Die Touch Bar könnte nun tatsächlich ein geeignetes Mittel sein, um beide Konzepte unter einen Hut zu bekommen. Gegenüber einem Touchscreen-Laptop hat sie nämlich folgende Vorteile:

  • Die Benutzeroberfläche der Touch Bar kann ganz auf Fingerbedienung optimiert werden, die des Bildschirms ganz auf die Nutzung per Maus.
  • Man muss seine Hand nicht zum Bildschirm hoch heben, sondern hat die Touch Bar bei Benutzung der Tastatur immer in Griffweite.
  • Man muss seine Kraft nicht zügeln, da die Tastatur auf einem festen Untergrund steht.

Ich denke, wenn man einen Laptop mit vollem Touchscreen hätte, würde man vor allem den unteren Bildschirmbereich aktiv nutzen, denn je weiter oben man ein Steuerelement erreichen will, desto ausgeprägter werden die Probleme. Für ein Element am obersten Rand müsste man seine Hand weit über die Tastatur heben und würde mit Druck auf diese Stelle eine große Hebelwirkung auslösen. Dass die Touch Bar die gesamte Touch-Funktionalität in einen eigenen Bereich ganz nach unten verlegt, ist daher nur logisch.

Dass sie vom eigentlichen Bildschirm getrennt ist, könnte dagegen ein Problem darstellen, weil man sie dadurch womöglich gar nicht beachtet. Bei meinem Stand-PC daheim liegt die Tastatur mitunter 20 Zentimeter vom Monitor entfernt. Wenn ich da auf den Monitor schaue und eine Touch Bar auf der Tastatur mir zusätzliche Funktionen einblendet, stehen die Chancen gut, dass ich diese nicht wahrnehme, weil ich gar nicht hinschaue.

Bei einem Laptop ist die Touch Bar nun zwar prinzipbedingt deutlich näher am Monitor, aber ob das genügt, muss sich erst zeigen. In der derzeitigen Ausführung wirkt die Touch Bar nicht wie eine Erweiterung des Monitors, sondern wie ein Teil der Tastatur – und wird auch als solcher beworben. Und das ist schlecht, denn geübte Nutzer schauen nicht auf die Tastatur, sondern schreiben blind.

Ein weiterer Kritikpunkt könnte sein, dass die Touch Bar die Bedienung komplexer macht. Ein starkes Argument für Touchscreens ist ja, dass die Benutzung – zumindest mit einfachen Gesten – intuitiv ist. Man grapscht einfach ganz unverschämt an, was man haben will. Wenn das nur in einem bestimmten Bereich funktioniert, geht diese Selbstverständlichkeit aber verloren. In der Praxis kann man die Touch Bar daher nur als zusätzliche, dritte Eingabemethode neben Tastatur und Maus/Trackpad verwenden. Dann muss man sich die Frage stellen, ob so eine Erweiterung auch einen angemessenen Mehrwert bringt oder die Sache nur unnötig kompliziert macht.

Nachruf: Esc- und F-Tasten

Unabhängig von der Touch Bar an sich wird auch heftig kritisiert, dass sie die oberste Tastenreihe auf der Tastatur ersetzt hat. Dieser Punkt ist sicher eine sehr subjektive Angelegenheit, weil es darauf ankommt, wie wichtig einem diese Tasten sind. Gerade für einen Mac kann ich das kaum beurteilen, weil ich noch nie länger als ein paar Minuten einen benutzt habe. Aber unter Windows und Ubuntu benötige ich diese Tasten nur sehr selten. Die Bedeutung der meisten F-Tasten kenne ich nicht einmal auswendig und ich vermute, dass die meisten Menschen bei »F1« eher an laut im-Kreis-fahrende Benzinschlucker als an eine Taste denken.

F-Tasten
Lustiges Rätselraten: Wozu sind diese Tasten gut? Ich benutze immerhin zwei davon und kenne die Funktion einer dritten. Wie sieht es bei Dir aus?

Aber wie ich gelesen habe, gibt es eine Menge Personen, denen zumindest die Esc-Taste extrem wichtig ist – insbesondere eine Unterart aus der Gattung des neuzeitlichen Computerfreaks. Hier gibt es Individuen, die auf das Textbearbeitungsprogramm »vi« schwören, das immer noch wie zu seiner Einführung in den 1970ern seinen Benutzungsfokus auf kryptische Tastaturbefehle legt. Das klingt umständlich und ist nicht leicht zu erlernen, aber wenn man die Einstiegshürden einmal überwunden hat, soll es der heilige Gral der Effizienz sein. Da kommt es natürlich ungelegen, wenn mit Esc eine der wichtigsten Tasten nicht mehr blind bedienbar ist, weil sie nur noch virtuell auf der Touch Bar existiert.

Der Witz an der Sache ist, dass genau solche Leute sich selbst aufgrund ihrer überlegenen Computerkenntnisse ganz gerne als »Pro« – in der Bedeutung »Profi« – bezeichnen. Entsprechend fühlen sie sich von einem sauteuren Produkt mit dem Namen »Apple MacBook Pro« persönlich angesprochen. Wenn Apple ihnen dann aber so ein wichtiges Element wie die haptische Esc-Taste vorenthält und das Ersatzelement namens Touch Bar mit bahnbrechenden Funktionen wie einer lustigen Emoticon-Auswahl bewirbt, fühlen sich diese Pros vielleicht nicht ganz zu Unrecht von Apple veräppelt.

Interessant, aber für wen?

Grundsätzlich kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Touch Bar in manchen Anwendungen eine Bereicherung ist. Zum Einfügen von Emoticons oder für Textvorschläge ist sie sicher ideal, weil man diese Dinge üblicherweise dann braucht, wenn man gerade auf der Tastatur schreibt.

Was mir auch gut gefällt, ist die Möglichkeit, den ganzen Monitor für ungestörte Videowiedergabe zu nutzen und alle Steuerelemente unauffällig auf der Touch Bar anzuzeigen. Dort lenken sie sicher nicht so stark vom Video ab und sind trotzdem direkt verfügbar.

Was ich mir dagegen nur schwer vorstellen kann, ist die oft erwähnte Nutzung von Schiebereglern auf der Touch Bar – und dazu zähle ich auch die Zeitleiste bei der Videowiedergabe. Wenn ich solche Regler bediene, mache ich das nämlich oft im Millimeterbereich und dazu ist ein Touchscreen ohne zusätzliches Eingabewerkzeug ungeeignet.

Wie bei den meisten Touchscreens sehe ich die Stärken auch bei der Touch Bar vor allem im Konsum- und Lifestyle-Bereich. Für die meisten Leute, die produktiv arbeiten wollen, sind die ältesten Eingabemethoden – vor allem die Tastatur – nach wie vor unerreicht. Wer geübt ist, schreibt blind schneller als man Textvorschläge durchsehen kann.

Damit bleibt letztendlich die Frage, ob einem ein Laptop mit Lifestyle-Funktionen und ohne physische Esc-Taste rund 2.000 Euro oder mehr wert ist – denn so viel kostet dieser Spaß zur Zeit.

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Kommentare

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Bisherige Kommentare

  • Muvimaker

    Ich halte die Passage "weil man gerade von einem Urlaub auf der Rückseite des Mondes zurückkommt" weder für sehr humorvoll noch ironisch, eher für unangebracht! Es gibt tatsächlich Leute, welche mit Apple-Geräten so gut wie nichts am Hut haben. Sei es, weil sie mit "normaler" Hardware (egal ob Windows oder Linux) sehr gut zurecht kommen, aber auch, weil sie aus Prinzip Produkte dieses Herstellers ablehnen (Stichwort - Knebelung jedweder Art, absolute Kontrolle, etc).
    Ich komme auch aus dem IT-Bereich, trotzdem ist diese "Taskbar" oder wie man sie auch immer nennen möchte, bis dato (2021) spurlos an mir vorübergegangen. Über eine daraus resultierende Bildungslücke kann ich mich nicht beklagen.
    Ansonsten ist der Artikel - wie auch Ihre übrigen geistigen Ergüsse - wieder einmal sehr gelungen.

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Muvimaker:

      Danke für dieses Feedback! Ich werde den kritisierten Satz entfernen.

      Dieser Artikel ist ein ziemliches Unikum auf meiner Website. Es war in früher Zeit mein erster und einziger Versuch, ein brandaktuelles Thema aufzugreifen … und hat in dieser Form nicht wirklich funktioniert.

      Ich hatte mir davon mehr Aufmerksamkeit in sozialen Medien erhofft, die ich dann aber nicht bekommen hatte. Das Thema war damals zwar recht groß als »next big thing« in einigen Medien – ist dann aber genauso schnell wieder verschwunden, wie es aufgetaucht war und war bald darauf weitgehend vergessen.

      Mittlerweile habe ich so viele Inhalte auf meiner Website, dass ich ganz gut über Suchmaschinen gefunden werde und schreibe meine Artikel jetzt bewusst so, dass sie möglichst lange »aktuell« bleiben.

      Ich habe übrigens selbst auch noch nie ein Apple-Produkt besessen und hatte auch noch nie das Verlangen danach.