Du bist zu schmal, du Flasche(nöffnung)!

Flaschenhälse sind schmal – Flaschenöffnungen daher ebenso. Aber warum eigentlich?

Maßband vor einem Flaschenhals.
Ganz schön eng hier.

Es gibt einen Anlass zum Saufen: Diesen Monat feiert WIESOSO (diese Website hier – nur als Information für diejenigen, die sich unverhofft hierher verirrt haben) den zehnten Geburtstag! Aber statt einer Sektflasche reiße ich ein flaschenzentriertes Thema an: Ich stelle mir die Frage, wieso Flaschenöffnungen eigentlich so eng sind, dass der Flaschenhals sogar zur Metapher für einen Schwachpunkt geworden ist.

Wo wenig rinnt, rinnt wenig daneben

Eines ist klar: je kleiner die Öffnung, desto geringer der Durchfluss. Insofern ist eine kleine Flaschenöffnung jedenfalls dort praktisch, wo man üblicherweise nur kleine Mengen verwendet. Würde ich einen Salat mit Essig und Öl aus Eimern statt Flaschen zubereiten, reichte schon ein kleiner Ausrutscher für ein ungenießbar saures oder schmieriges Geschmackserlebnis.

Esslöffel unter Öffnung einer gekippten Ölflasche.
Könnte man auch in literweise konsumieren, sollte man aber nicht.

Bei Getränken, die man in aller Regel ja nicht nur esslöffelweise konsumiert, kann so eine Limitierung aber ziemlich lästig sein. Weil wir es kaum anders kennen, ist es zwar nicht so, als hätte ich bei meinem täglichen Abendgebet ans fliegende Spaghetti-Monster schon immer um effizientere Flaschen gebeten, aber seit ein paar Monaten habe ich nun einen direkten Vergleich, durch den sich mein Eindruck von Flaschen doch deutlich verschlechtert hat.

Da ich vorwiegend Leitungswasser trinke, das aber nicht immer ausreichend getan hatte, solange ich mir jede Glasfüllung einzeln vom Wasserhahn holen musste, habe ich nun ständig eine Karaffe mit Wasser am Schreibtisch stehen. Ergänzend habe ich aber auch noch einen Not-Wasservorrat in Flaschen, von denen ich jede Woche eine austrinke und neu befülle, um im tatsächlichen Notfall nicht in die Verlegenheit zu kommen, mir aus Durst ein fünfzehn Jahre altes Biotop in den Rachen zu kippen.

Glasflasche und Glaskaraffe nebeneinander.
Die konkurrierenden Wasserbehälter treffen im Ring aufeinander.

In jedem Fall habe ich damit nun den alltäglichen Vergleich zwischen einer Karaffe mit großer Öffnung und einer Flasche mit kleinem Ausfluss-Löchlein. Mein Fazit: Ich bin jedes Mal froh, wenn meine wöchentliche Flasche leer ist und ich wieder auf die Karaffe umsteigen kann.

Nicht nur geht das Befüllen mit der Karaffe schneller – nein, es ist auch ein viel ästhetischeres Erlebnis. Der Fluss ist schön gleichmäßig und durch die weite Krümmung der Öffnung, die das Wasser an den Kanten nach innen ablenkt, entsteht ein Wasserfall mit hübschen, symmetrischen Mustern.

Mit der Flasche gelingt ein gleichmäßiger Fluss nur dann, wenn man sie exakt im richtigen Winkel hält, sodass durch den schmalen Flaschenhals gleichmäßig Luft eindringen kann. Ein wenig zu flach und der Fluss versiegt, ein wenig zu steil und man macht mit stotternden Gluck-gluck-Geräuschen dicke Knoten in den dünnen Wasserstrahl.

Links ein Wasserfluss aus einer weiten Karaffen-Öffnung: breit und mit klaren, großen Mustern. Rechts ein Wasserfluss aus einer weiten Flaschen-Öffnung: schmal und ungleichmäßig.
Runde 1, Ästhetik, geht an die Karaffe.

Zum Nachteil kann der schnellere Karaffen-Fluss natürlich dann werden, wenn man das Gefäß versehentlich umstößt oder fallen lässt. Die vor sich hin gluckernde Flasche kann man eher wieder aufrichten, bevor sich ihr gesamter Inhalt über Tisch und Boden verteilt hat.

Aber wenn solche Bedenken die höchste Priorität haben, sollte man konsequenterweise gleich aus einem Babyfläschchen trinken.

Klein und rund, passt in den Mund

Ganz so abstrus sind Babyfläschchen für Erwachsene aber zugegeben gar nicht. Bisher hatte ich ja nur über Gefäße gesprochen, mit denen ich auf meinem Schreibtisch ein Trinkglas befülle. Nicht jeder Anwendungsfall ist so bieder. Vor allem unterwegs ist es auch ganz normal, eine Flasche direkt in den Mund zu nehmen – schließlich ist die Verschüttgefahr in dieser Situation wesentlich höher als in meinem statischen Langweiler-Szenario … und wie ästhetisch oder unästhetisch einem das Wasser da in den Mund rinnt, bekommt man ohnehin nicht mit.

Logischerweise sieht man auch kaum einen Sportler mit einer Glaskaraffe herumlaufen, wohl aber gelegentlich mit einer Nuckelflasche. Diese Erwachsenen-Varianten haben zwar anders als ihr Baby-Äquivalent keine schnullerförmige Saugvorrichtung, aber andere Mechanismen mit einem ähnlich limitierten Durchfluss – zum Beispiel eine Öffnung, aus der nur dann etwas heraus kommt, wenn man die Flasche zusammendrückt. Und selbst wenn sie keinen solchen Mechanismus haben, zeichnen sich Sportflaschen zumindest durch sehr kleine Öffnungen aus.

Zwei Sport-Trinkflaschen aus Kunststoff.
Ohne Nuckel-Zipfel, aber mundgerecht.

Allerdings haben solche Flaschen im Normalfall auch einen abschraubbaren Oberteil, damit man das, was man heraus zuzeln will, nicht erst mühsam hinein zuzeln muss. Wem das Nuckeln zu dumm ist, der kann also auch einfach den Deckel abnehmen und wie aus einem Becher trinken.

Bei den allermeisten Flaschen ist Zuzeln in seinem wahrsten Wortsinn übrigens denkbar ineffektiv. Man könnte ja meinen, dass eine kleine, runde Öffnung ideal sei, um sie fest mit dem Mund zu umschließen und dann den Inhalt herauszusaugen; aber das funktioniert so nicht ohne weiteres. Weil man nicht viel Luft im Mund hat, kann auch nicht viel Luft in die Flasche eindringen und dort die Flüssigkeit verdrängen – in der Folge kommt auch nicht viel Flüssigkeit heraus.

Nach oben geneigter Kopf mit voller, senkrecht gehaltener Plastikflasche im Mund.
Schaut schluckspechtiger aus, als es tatsächlich ist, denn solange ich keine Luft in den Mund lasse, kommt auch keine Limonade hinein.

Nach dem ersten Schluck müsste man wirklich fest saugen, um noch mehr heraus zu bekommen. Eine weiche Kunststoff-Flasche zieht sich dann vielleicht zusammen, aber bei einem festeren Exemplar zieht es einem eher die Eingeweide durch den Hals. Vielleicht könnte man über Nase und Rachen weitere Luft in den Mund holen, aber das probiere ich lieber nicht aus, weil mir der nächste Schluck dann wahrscheinlich in die Luftröhre fließen würde. Was ich stattdessen mache, ist trivialer: Ich umschließe die Flaschenöffnung mit dem Mund einfach nicht ganz dicht, sondern lasse ein wenig Spielraum.

Das klingt heute trivial. Aber da ich bis jetzt nie bewusst darüber nachgedacht hatte, frage ich mich, wie lange ich als kleines Kind ohne Ahnung von physikalischem Druckausgleich wohl gebraucht hatte, um das zu lernen.

Und auch für die Argumentation in Richtung Verschütt-Sicherheit ist das durchaus relevant. Denn wenn ich Spielraum lassen muss, besteht Gefahr, dass die Flüssigkeit nicht im Mund bleibt. Dieses Risiko könnte bei Flaschen sogar größer sein als bei Trinkgläsern, denn letztere lassen links und rechts kaum Platz, wo etwas in die Gegenrichtung rinnen könnte.

Zweimal die selbe Skizze eines Gesichtes nebeneinander. Links mit einem überlagerten, kleinen Kreisbogen in der Mitte der Lippen. Rechts mit einem großen Kreisbogen, der die gesamten Lippen abdeckt.
Wenn man eine größere Öffnung an die Lippen ansetzt, sorgt das nicht bloß für weniger potentielle Lecks, sondern auch für ein breiteres Lächeln. (Bildquelle für die Zeichnung: vadim_fl auf Adobe Stock)

Zusammengefasst hieße das wohl: Gläser und Karaffen erhöhen das Risiko, dass Flüssigkeit gar nicht erst in den Mund kommt, Flaschen erhöhen dagegen das Risiko, dass sie nicht drinnen bleibt.

Kommt wenig raus, passt wenig rein

Insbesondere Alkoholflaschen haben laut mancher Quelle bewusst lange, dünne Hälse, damit wenig Luft hinein passt, denn der Kontakt mit Luft beeinflusse den Geschmack. So ganz habe ich das aber zugegeben nicht verstanden. In Weinregalen sehe ich Flaschen immer nur waagrecht gelagert – da ist die Luft also gar nicht im Hals. Und sobald man die Flasche versenkrechtet und ein Glas füllt, ist der Hals auch schon leer, sodass die Luft weiter unten auf eine größere Oberfläche trifft.

In Weinregal liegende Weinflaschen.
Die Luft sitzt hier definitiv nicht im Hals, sondern ganz im Gegenteil dort, wo sie sich am weitesten über den Inhalt verteilen kann. (Bildquelle: Alpha / Wine - Bistro Vue, CC BY-SA 2.0, Bild beschnitten)

Bei weniger edlen Getränken, die man sich direkt aus der Flasche zu Gemüte führt, kann das nach dem ersten Schluck erst recht kein Argument sein, denn bei so einem Säuferkuss gelangt definitiv mehr als nur Luft in die geliebte Flasche. Und Limonade-Plastikflaschen haben ohnehin keinen langen Hals … aber trotzdem eine kleine Öffnung.

Wenn man es mit kleiner Öffnung und kurzem Hals auf die Spitze treibt, landet man bei einem sogenannten Flachmann. Ich hatte vor Jahren einmal überlegt, dass so etwas Kompaktes für unterwegs ganz praktisch sein könnte; doch dann hatte ich mir die alles entscheidende Frage gestellt: Wie, in drei Teufels Namen, sollte ich so ein Ding jemals reinigen?

Meine Glas-Wasserflaschen nehme ich nie direkt in den Mund, daher kommt da außer Wasser und Luft nichts hinein. Zur Reinigung reicht es deshalb, wenn ich sie mit etwas verdünntem Geschirrspülmittel fülle und ein wenig schüttle. Zur Not könnte ich auch einen speziellen Flaschenreiniger – eine schmale, lange Bürste – in den Flaschenhals schieben. Durch den kontinuierlichen Übergang vom Hals zum Flaschenkörper käme ich damit überall hin. Aber wie wäre das bei einem Flachmann?

Selbst wenn ich dort einen extraschmalen Flaschenreiniger hineinstecken könnte, würde ich damit kaum in die oberen Ecken kommen. Und weil diese Teufelsfläschchen nicht transparent sind, würde ich es auch gar nicht sehen, wenn sich dort sonst was angesammelt hätte.

Flachmann.
Unerreicht, vor allem in den oberen Ecken: der Flachmann. (Bildquelle: Tomasz Sienicki, CC BY 2.5, Bild beschnitten)

Jedenfalls wundert es mich jetzt nicht mehr, warum Flachmänner meistens mit Hochprozentigem gefüllt sind. Da ist der Inhalt wohl nicht bloß zum Trinken, sondern auch zum Sterilisieren da.

Aufgeblasen

Von ähnlicher Form wie Flachmänner, aber zumindest ein wenig größer und dadurch sicher reinigungstauglicher, sind Feldflaschen, also solche die Dinger wie das, woraus Asterix seinen Zaubertrank trinkt. Diese Gefäße wiederum erinnern mich mit ihrer oft runden Form an antike Glasflaschen – oder zumindest das, was ich mir ebenso aus Comics und Computerspielen unter antiken Glasflaschen vorstelle.

Gemalte, grüne Glasflasche mit rundem Körper und langem Hals.
Rund 90 Jahre altes Flaschen-Gemälde. Ob der Maler seine Inspiration wohl auch aus Comics und Videospielen hatte? (Bildquelle: V.L. Vance, Public Domain, Bild beschnitten)

Diese denkbar primitive Form, eine Glaskugel mit zylindrischem Ausguss, lässt mich aber in jedem Fall an die klassische Handwerkskunst des Glasblasens denken. Wenn die frühesten Flaschen hergestellt wurden, indem man durch ein Rohr heiß-flüssiges Glas wie einen Luftballon aufblies und dann aushärten ließ, erklärt das hervorragend die Form der typischen Mittelalter-Comic-Computerspiel-Flasche – mitsamt dünnem Flaschenhals und kleiner Öffnung.

Alte Farbzeichnung eines Blasgläsers, der neben einem Feuer in ein Rohr pustet, um glühendes Glas aufzublasen.
Heute nur noch ein nischiges Kunsthandwerk, aber vielleicht eröffnet einem die Expertise als Glasbläser auch Karriere-Chancen als Alphorn-Spieler. (Bildquelle: U.S. National Park Service, CC BY 4.0)

Auch heute werden Flaschen noch nach einem ähnlichen Prinzip hergestellt, nur eben mit Maschinen. Und das habe ich im Gegensatz zu Zaubertränken und Glasbläsern nicht nur in Medien, sondern mit eigenen Augen gesehen. Auf einer Exkursion in meiner Schulzeit am Gymnasium war ich einmal in einer Fabrik für Plastikflaschen und sah dort die Rohlinge: harte, schmale Plastikröhrchen, die in eine Hohlform eingelegt und dann unter Hitze in diese Form hinein aufgeblasen werden.

Oben: Plastikflaschen-Rohling, der wie ein Reagenzglas mit Gewinde für einen Schraubverschluss aussieht. Unten: Fertige Plastikflasche, bei der nur der Gewindeteil unverändert geblieben ist.
Rohling und Feinling. (Bildquelle: Nicole Gordine / Multi plastic, CC BY 3.0, Bild bearbeitet)

Obwohl Produkte wie Karaffen und Becher zuhauf unter Beweis stellen, dass sich auch andere Formen gut maschinell fertigen lassen, kann ich mir gut vorstellen, dass dieses Aufblasen immer noch eine der effizientesten Methoden ist. Einlegen, blasen, fertig.

Zugestöpselt

Dass eine kleine Öffnung zur Flaschenherstellung im Blas-Verfahren vorteilhaft ist, lässt sich leicht veranschaulichen: einfach mal versuchen, einen Luftballon mit sperrangelweit geöffnetem Mund aufzublasen. Offensichtlich kann man durch eine kleine Öffnung wesentlich leichter großen Druck aufbauen … und sie lässt sich auch wesentlich leichter dicht halten.

Hier schließt sich der Kreis zum Endverbraucher, denn auch der hätte – wenn auch aus anderen Gründen – ganz gerne, dass seine Flaschen dicht sind. Ein kleines Loch ist schnell und sicher gestopft, sei es mit Korkstöpsel, Bügel- oder Schraubverschluss.

Meine Karaffe hat dagegen nur einen ganz einfachen Aufsteck-Deckel. Der verhindert zwar, dass allzu viel Unerwünschtes hinein kommt, aber nicht, dass das Wasser in jedem Fall drinnen bleibt. Wenn es um einen zuverlässigen Verschluss geht, ist das unästhetische Gluck-gluck-gluck dann wohl doch die bessere Lösung. Prost!

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