Fortschritt in kreisenden Bewegungen

Vor allem in der Technik herrscht ständige Veränderung. Aber nicht alles ist dabei ein Fortschritt – einiges läuft im Kreis.

Silhouetten, die die Evolution des Menschen zeigen – allerdings in einer Kreisform, in der es nach dem modernen Menschen schrittweise wieder zurück zum affenähnlichen Ausgangspunkt geht. Der Bildhintergrund besteht aus Nullen und Einsen.
Der Mensch wird sich hoffentlich nicht in dieser Form entwickeln, aber zumindest bei menschengemachten Entwicklungen kommt es durchaus zu solchen Kreisläufen. (Bildquelle der Silhouetten: José-Manuel Benitos, CC BY-SA 3.0)

Manchmal erwecke ich sicher den Eindruck, rückständig oder fortschrittsfeindlich zu sein. Meine ersten beiden Mobiltelefone waren für den größten Teil ihrer Nutzungsdauer als Anachronismen berühmt-berüchtigt, bevor ich mich vor rund einem Jahr endgültig dazu gezwungen sah, von meinem zweiten, einem Blackberry, erstmals auf ein aktuelles Smartphone ohne haptische Tasten zu wechseln. Meinen PC-Desktop habe ich mir nach einem Konzept der Jahrtausendwende eingerichtet. Und am Handgelenk trage ich eine mechanische Armbanduhr, die ich regelmäßig aufziehe.

Nochmal absurder mag das vor der Tatsache erscheinen, dass ich in anderen Bereichen nachweislich innovativ bin. In meinem Informatik-Studium hatte ich gemeinsam mit Kollegen eine Erfindung gemacht, die patentiert und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Wir haben ein Spin-off der TU Wien gegründet, in dem wir bis heute an mehreren neuartigen Geräten arbeiten. Parallel dazu erforsche ich auch in meinem Doktorat neue Konzepte zum Einsatz von Technik und habe schon mehrere wissenschaftliche Fachartikel publiziert.

Ursachen für diesen scheinbaren Widerspruch gibt es mehrere. Ich mag Technik nicht bloß der Technik wegen, sondern möchte einen echten Mehrwert sehen. Ich begebe mich ungern in Abhängigkeiten. Ich halte Dinge gern unkompliziert. Und ich lege Wert auf Robustheit – allein schon deshalb, weil ich ein fauler Hund bin, der nicht alle paar Jahre gezwungen sein will, sich nach etwas Neuem umzusehen.

Mit meinem technischen Hintergrund und diesen vielfältigen Sichtweisen sehe ich Neuheiten oft nicht als den unbestreitbaren Fortschritt, als der sie angepriesen werden, sondern als komplexe Gesamtpakete, die sowohl Fortschritte als auch Rückschritte beinhalten. Oft wiegen für mich die Rückschritte schwerer als die Fortschritte. Dann ist es sinnvoller, beim Alten zu bleiben … und eventuell darauf zu warten, dass eine zukünftige Neuheit wieder zum früheren Status zurückkehrt, denn nicht selten laufen einzelne Aspekte von Innovationen im Kreis. In diesem Artikel zeige ich in ein paar ganz konkreten Beispielen auf, wieso ich in vielen Entwicklungen solche Kreisläufe sehe.

Fortschritt in Korkenzieher-Form

Um das noch einmal zu verdeutlichen: Ich sage nicht, dass jede Entwicklung im Kreis läuft! Ich sage bloß, dass die typische Vorstellung von Fortschritt, in der es konsistent nach oben geht, selten der Realität entspricht.

Minimalistisches Diagramm, in dem Gerade nach rechts oben zeigt.
So stellt man sich Fortschritt vor: ohne Umwege von unten nach oben.

So eine Bilderbuch-Entwicklung mag auf kleine Teilbereiche zutreffen, zum Beispiel auf die Leistungsfähigkeit einzelner technischer Komponenten. Aber das ist üblicherweise nicht das, was an Endbenutzer vermarktet wird.

Wenn ich ein Smartphone kaufe, erwerbe ich keinen bloßen Mikrochip, der um drei Prozent weniger Strom braucht als sein Vorgänger, sondern ein komplexes Gesamterlebnis aus unzähligen Hardware-, Software- und Design-Komponenten. Da werden die drei Prozent Energieeinsparung wahrscheinlich von anderen Teilen, die mehr Funktionen bieten als zuvor, gleich wieder weggefressen … und am Ende ist der Akku sogar schneller leer als zuvor.

Bei ständiger Wiederholung solcher Einsparungen und nicht-proportionaler Funktionserweiterungen kämen wir irgendwann wieder zum kabelgebundenen Telefon zurück und hätten damit einen Kreis geschlossen – nur mit funktionsreicheren Telefonen als früher. Durchbrechen wir dagegen diese Entwicklung, indem wir uns auch bei anderen Komponenten wieder mehr auf Energiesparsamkeit wie zu Zeiten mit schwächeren Chips zurückbesinnen, schließen wir aber ebenfalls einen Kreis – auch hier mit funktionsreicheren Telefonen als früher.

In beiden Fällen hätte es zwar eine technische Entwicklung nach oben gegeben, gleichzeitig aber auch eine Entwicklung, die sich im Kreis gedreht hat. Ein veranschaulichendes Diagramm wäre demnach keine aufsteigende Gerade, sondern vielmehr eine Spirale mit Trend nach oben.

Minimalistisches Diagramm mit spiralförmiger Linie, die allmählich nach oben läuft.
Wer hungrig ist, könnte eine solche Entwicklung »Fusilli-Fortschritt« nennen. Für die Durstigen bietet sich »Korkenzieher-Fortschritt« an.

Solche Karussell-Fortschritte gibt es ununterbrochen und manche davon haben schon so viele Runden hinter sich, dass einem allmählich schwindlig werden könnte.

Zurück zur Uhr, die dauerhaft die Zeit anzeigt

Wie bereits gesagt, trage ich eine klassische Armbanduhr, so eine richtig robuste Metall-Apparatur mit mechanischen Zeigern.

Seit diese Geräte erfunden wurden, hatte es zahlreiche Weiterentwicklungen in der Branche gegeben. Eine der folgenschwersten war die Einführung von Digitaluhren mit Siebensegmentanzeige, denn ab da war es plötzlich nicht mehr nötig, Uhrzeiger verstehen zu müssen. Dank immer mehr digitalen Ziffer-Zeiten ist es heute unter den Jüngeren nicht mehr ungewöhnlich, Analoguhren gar nicht mehr lesen zu können.

Frühe Segmentanzeigen basierten auf energiehungrigen, rot leuchtenden LEDs. Aus diesem Grund zeigten die ersten Digital-Armbanduhren in den 1970ern die Zeit üblicherweise immer nur ganz kurz an, nachdem man einen Knopf gedrückt hatte. Mindestens in dieser Hinsicht gab es also einen Rückschritt gegenüber analogen Uhren – zurück in die Zeiten, als man erst den Deckel seiner Taschenuhr aufklappen oder eine tragbare Sonnenuhr ausrichten musste.

Armbanduhr, die rot leuchtende Digitalziffern anzeigt, während sie zwischen zwei Fingern gedrückt wird.
»Was ist das?« – »Das ist rotes Licht.« – »Und was macht das?« – »Es leuchtet rot … verbrennt dabei haufenweise Strom … und zeigt nebenbei auch die Zeit an.« (Bildquelle: Joe Haupt, CC BY-SA 2.0, Bild beschnitten)

Erst danach kamen nicht-leuchtende, typischerweise schwarz-graue Segmentanzeigen auf, mit denen man wieder dauerhaft die Zeit anzeigen konnte, ohne die Batterien häufiger als seine Unterhosen wechseln zu müssen.

Digitaluhr mit schwarzen Siebensegment-Ziffern auf einem gräulichen Hintergrund.
Mehr Laufzeit, weniger Kontrast. (Bildquelle: Vschagow, CC BY-SA 4.0, Bild beschnitten)

In jüngerer Zeit folgte dann mit Smartwatches die nächste Evolutionsstufe. Dank besserer Display-Technik und flexibler Software kann man seitdem zumindest wahlweise wieder auf Zeiger statt auf Ziffern glotzen. In Sachen Energieverbrauch waren Smartwatches aber ein Rückschritt.

Der Pionier Pebble nutzte immerhin noch stromsparendes elektronisches Papier als Display, aber Mitbewerber wie Apple setzten stattdessen auf den Wow-Faktor von hochauflösenden, leuchtenden Bildschirmen und schlossen damit den Kreis zurück zu den LED-Anzeigen der 70er Jahre. Abermals wurden die Displays immer nur kurz zum Ablesen eingeschaltet, um Energie zu sparen.

Weil es mittlerweile dank anderweitigen Fortschritts die Norm war, wiederaufladbare Akkus statt Einweg-Batterien zu verwenden, hatte man auch keinerlei Scham davor, offen auszusprechen, dass die Uhr trotz der Sparmaßnahmen gerade mal einen knappen Tag durchhält. Das resultierende tägliche Aufladen konnte man glatt mit dem Aufziehen antiker mechanischer Uhren vergleichen. Wieder eine hübsche Neben-Schleife.

Erst seit späteren Modellen bietet die Apple Watch nun auch die Möglichkeit, das Display – mit reduzierter Helligkeit und weniger Details – dauerhaft eingeschaltet zu lassen. Die grau-schwarze Segmentanzeige lässt grüßen! Und auch die Marke Pebble mit ihren E-Paper-Displays wurde kürzlich reanimiert.

Zusammenfassend hatten wir bei Armbanduhren also einen Verlauf von dauerhaft (analog) zu nicht dauerhaft (digital) zu dauerhaft (digital) zu nicht-dauerhaft (smart) zu dauerhaft (smart). Die zugrundeliegende Display-Technik mag Fortschritte gemacht haben, aber die Art, wie wir diese Displays nutzen, hat sich im Kreis gedreht.

Zurück zum vernetzten Computer

Ein dauerhaft aktives Display vermisse ich auch an meinem aktuellen Smartphone. Bei meinem ersten Siemens-Handy war ein solches noch eine Selbstverständlichkeit; und mein Blackberry hatte zumindest noch eine rot-blinkende LED, um mich ganz unspezifisch darauf hinzuweisen, dass es irgendetwas zu beachten gibt. Aber mein aktuelles Gerät ist wie ein Sarg: ein länglicher, schwarzer Quader ohne Lebenszeichen. Wäre es schon seit einem halben Tag tot, würde ich das in der Regel gar nicht bemerken.

Dass ich es im Gegensatz zu all den Smartphone-Zombies nur so selten in die Hand nehme, liegt nicht etwa daran, dass ich mit diesem modernen Technik- und Internet-Gedöns nichts zu tun haben will. Ganz im Gegenteil: Ich war schon Computer-Zombie und Internet-Junkie, bevor diese Seuche durch Smartphones in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die Geschichte der Smartphones ist zum größten Teil bloß eine abgespeckte Mobil-Variante von Dingen, die ich am PC längst hatte.

Ich als Jugendlicher vor einem PC mit Röhrenmonitor. Meine Füße habe ich auf eine Tonne hochgelegt.
Einen Computer mit Internetzugang hatte ich schon 2001. Abenteuerliche Sitzgewohnheiten ebenso – vielleicht kommen die auch noch in Mode.

Ein besonders interessanter Aspekt in Hinsicht auf zirkuläre Entwicklungen ist dabei der Datenaustausch mit anderen Geräten. Heute ist es nichts Ungewöhnliches, dass jede App sich mit irgendeinem Online-Dienst – und 250 Werbepartnern – verbindet und alle Daten irgendwo in der sogenannten Cloud liegen. Vor nicht allzu vielen Jahren war das für Smartphones mangels robuster mobiler Internetverbindungen aber noch undenkbar.

Mit PCs waren wir dagegen schon lange mehr oder weniger da, wo wir mit Smartphones heute sind. Da hatte ich per Kabel schon in den frühen 2000ern eine stabile Internetverbindung und allein über meinen Browser Zugriff auf unzählige webbasierte Anwendungen von Chatdiensten bis zu Videospielen. Ich stellte mir damals zunehmend die Frage, ob man in Zukunft überhaupt noch irgendetwas außer Betriebssystem und Browser lokal installieren wird.

Doch dann kamen die Smartphones. Das erste iPhone unterstützte nicht einmal den damals modernen UMTS-Mobilfunk-Standard und war damit fürs Internet kaum zu gebrauchen. Danach wurde es unter dem Motto »es gibt für alles eine App« wieder schick, für jede einmalig durchgeführte Pipifax-Aufgabe und jeden Fünf-Sekunden-Gag ein separates, lokales Programm zu installieren. Im PC-Bereich war man für so ein naives Zumüllen der Festplatte und Aufreißen von potenziellen Sicherheitslücken längst heftig ausgelacht worden.

Heute haben wir auf Smartphones oft das Schlechteste aus beiden Welten: lokal installierte Apps, die aber trotzdem nicht ohne Internet funktionieren.

Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, dreht sich die Vernetzung von Geräten nochmals um. Das Kürzel »PC« steht ja eigentlich für »Persönlicher Computer« und geht darauf zurück, dass es bei seiner Einführung noch eine Innovation war, einen eigenständigen, unabhängigen Computer ganz für sich allein zu haben.

Davor waren Computer raumfüllende Maschinen, mit denen man sich über eines von mehreren sogenannten Terminals verbinden musste. Diese Terminals waren nur für die Ein- und Ausgabe da, während der ganze Rest im verbunden Computer stattfand – ganz ähnlich wie auch heute wieder immer mehr der tatsächlichen Datenverarbeitung in raumfüllenden Rechenzentren stattfindet.

Schwarzweiß-Foto von Großrechner, der vorwiegend aus einem großen Raum voll hoher Computerschränke besteht.
Im Jahr 1960 fanden Computerberechnungen noch in solchen Räumen voll mannhoher Computerschränke statt. Danach kamen irgendwann eigenständige PCs. Und danach kamen das Internet und KI … die nun wieder in Räumen voll mannhoher Computerschränke unsere Datenverarbeitung durchführen. (Bildquelle: Federation des Equipes Bull (FEB), CC BY 4.0)

Zusammenfassend hatten wir hier also einen Verlauf von vernetzt (Terminal) zu eigenständig (PC) zu vernetzt (PC) zu eigenständig (Smartphone) zu vernetzt (Smartphone). Die Netzwerktechnik mag Fortschritte gemacht haben, aber die Intensität, mit der wir sie nutzen, hat sich im Kreis gedreht.

Zurück zum Text-Interface

Insbesondere KI in Form von Sprachmodellen (LLMs) trägt derzeit massiv dazu bei, dass mittlerweile sogar klassisch lokale Tätigkeiten wie das Erstellen von Texten, Bildern und Videos über eine Verbindung zu Rechenzentren ausgeführt werden. Ergänzend dazu hat diese KI aber auch noch ein viel offensichtlicheres Revival mit sich gebracht, nämlich das der Text-Interfaces.

Viele Jahre lang konnte man Computer nur über Textbefehle per Tastatur steuern – und bekam auch nur Text retour. Die Einführung von grafischen Benutzeroberflächen war damals revolutionär: Endlich konnte man direkt sehen, welche Möglichkeiten man hat, und musste nur noch anklicken, was man haben wollte.

Hochkant-Monitor, Tastatur und Drei-Tasten-Maus.
Der Xerox Alto von 1973 gilt als Urahn moderner Computer mit grafischer Benutzeroberfläche und Mausbedienung. (Bildquelle: Bc4040, CC BY 4.0, Bild beschnitten)

Vor ein paar Jahren dachte ich schon, dass Sprachassistenten uns in die Text-Ära zurück katapultieren, aber jetzt mit KI sind wir endgültig wieder beim Befehl-Eintippen angekommen. Das System mag jetzt nicht mehr auf eine winzige Selektion kryptischer Befehle beschränkt sein, aber das Interaktionsschema hat sich im Kreis gedreht.

Zurück zum grafischen Minimalismus

Grafische Oberflächen entwickeln sich parallel dazu ebenso im Kreis. Als die ersten aufkamen, mussten sie aufgrund der technischen Beschränkungen noch minimalistisch bleiben. Dann stieg die Geräteleistung und um die neuen Fähigkeiten zur Schau zu stellen, fanden sich plötzlich überall Rundungen, Texturen, Farbverläufe, Schatten und Transparenzeffekte.

Programmfenster von Windows Media Player mit einer Oberfläche voller Rundungen, Licht- und Schatteneffekte und Hintergrundbilder.
Aus irgendeinem Grund war Software zur Wiedergabe von Medien grafisch oft nochmals verschnörkelter als alles andere. Da wurde wohl das »Multi-« im Wort »Multimedia« zu wörtlich genommen.

Als sich daran alle sattgesehen hatten, kehrte man anschließend großteils wieder zum Minimalismus, jetzt meistens unter dem Begriff »Flat Design«, zurück. Dabei hatte man es allerdings vom einen Extrem ins andere getrieben, sodass ich etwa in Microsoft Windows vor lauter einfarbigen Flächen nicht mehr erkennen konnte, wo ein Fenster aufhört und ein anderes anfängt. Und was man anklicken kann, ist auch zum Rätselraten geworden, seit Schaltflächen nicht mehr wie physische Schaltflächen aussehen.

Programmfenster mit dem Titel »Bewerbung_als_Matratzentester.rtf - WordPad«. Alle Schaltflächen (inkl. jener zum Schließen des Fensters) sind rechteckig und haben am linken und oberen Rand einen hellen Rahmen sowie am rechten und unteren Rand einen dunklen Rahmen, sodass die jeweilige Schaltfläche wie durch Licht und Schatten erhaben aussieht.
Hier sah noch jede Schaltfläche wie eine Schaltfläche aus und bettelte geradezu darum, »hinein« gedrückt zu werden.

Vermutlich wegen solcher Schwächen gab es seitdem wiederum vereinzelte Bemühungen, zumindest ein Stückchen in Richtung detaillierterer Optik zurückzukehren; etwa in der Form von Neumorphismus, der durch Licht und Schatten wieder mehr Räumlichkeit simulieren will.

Anders als in den vorigen Beispielen fällt es mir hier allerdings schwer, hinter neueren Zyklen noch tatsächliche Fortschritte zu sehen. Die wesentlichsten Oberflächen-Probleme waren aus meiner Sicht um die Jahrtausendwende herum bereits gelöst und seitdem scheint alles nur noch ein Frage der Mode zu sein.

Systemen bei jedem größeren Versionssprung ein neues Outfit zu verpassen, hat augenscheinlich oft nur noch den Zweck, Laien-Benutzern zu sagen: »Schaut her: Das ist anders, das ist neu! Die wirklichen technischen Fortschritte, die irgendwo im Hintergrund stattgefunden haben, versteht ihr ohnehin nicht, aber dank dieser frischen Fassade können wir euch trotzdem erneut das Geld aus der Tasche ziehen.«

Neben dem Flat-Design-Trend sehe ich so einen Mode-Kreislauf im Fall von Microsoft Windows vor allem auch am Startmenü, das in der aktuellsten Version nun aus einem mittigen Fenster mit großen Programmsymbolen statt des altbekannten Listenmenüs besteht. Manch einer erinnert sich vielleicht noch, dass mit Windows 8 kurzzeitig schon etwas ähnliches – nur im Vollbildmodus – versucht und wieder begraben wurde. Aber vermutlich kaum jemand erinnert sich daran, dass es vor Windows 95 statt eines Listenmenüs auch nur einen »Program Manager« gab, der dem heutigen Startmenü ähnlicher sieht als alles, was es dazwischen gab.

Drei Screenshots von Windows-Desktops nebeneinander, jeweils mit offenem Startmenü bzw. Programm-Manager. Beim ersten und letzten Bild liegt das Startmenü in der Mitte, ist relativ breit und hat Programmsymbole, die unterhalb beschriftet sind. Der Desktop schaut jeweils minimalistisch und farbarm aus. Im mittleren Screenshot liegt das Startmenü dagegen links als Liste und die gesamte Oberfläche ist effektvoll und bunt.
Zwischen Windows 3.0 und Windows 11 sieht Windows XP aus, als wäre es eine komplett andere Produktlinie.

Vorwärts in die nächste Schleife

Allen Unkenrufen zum Trotz sind solche Kreisläufe nicht zwangsläufig etwas Schlechtes. Im Gegensatz zu reinen Fortschritten hat man hier immerhin eine Erfahrungsbasis, um zukünftige Entwicklungen vorherzusagen.

Smartwatches und Smartphones mögen sich zwar langsam wieder darauf besinnen, die Uhrzeit dauerhaft anzuzeigen, aber ganz neue Generationen sogenannter Wearables, also tragbarer Technik, scharren bereits in den Startlöchern. Augmented-Reality-Brillen, die Informationen mit der realen Welt überlappen, versuchen schon seit Jahren, zum nächsten großen Trend zu werden. Sollten diese irgendwann den Durchbruch schaffen, werden sie die Uhrzeit wahrscheinlich wieder nur auf Kommando anzeigen, denn selbst wenn eine Daueranzeige diesmal von Anfang an effizient machbar wäre, wird sie niemand dauerhaft im Sichtfeld haben wollen.

Benutzer von Google Glass, einem kleinen Display, vor einer Brille.
»Moment, ich hab da was im Auge … ach, es ist die Uhrzeit!« (Bildquelle: Loïc Le Meur, CC BY 2.0, Bild beschnitten)

Und sollte sich die Dauervariante später doch etablieren, wird in der übernächsten Wearable-Generation mit smarten Kontaktlinsen wohl das Energieeffizienz-Problem von vorne losgehen; schließlich wäre ein Smartwatch-Akku unterm Augenlid ein wenig unbequem …

Die Vernetzung von Geräten könnte auch bald wieder ihren Rückzug antreten. Derzeit locken KI-Firmen ihre Benutzer noch mit Angeboten, die sich wirtschaftlich nicht rentieren. Sobald sie damit anfangen, ihre Kunden durch Wucher und Werbeseuche so richtig zu melken, werden lokale Lösungen – egal, ob mit oder ohne KI – wieder sehr an Attraktivität gewinnen. Außerdem wird das Internet zunehmend von KI-Slop zugespammt und KI ist teilweise schon jetzt rekordverdächtig erfolgreich beim Aufspüren und Ausnutzen von Sicherheitslücken; da könnte es im Internet bald ähnlich unbequem wie unterm stromversorgten Augenlid zugehen.

Letztendlich kann ich mir mit der Verbreitung von immer komplexeren KI-Agenten in allen möglichen und unmöglichen Produkten auch gut vorstellen, dass die Texteingabe bald wieder an Bedeutung verliert. In Zukunft wird KI wohl vermehrt eigenständige Vorschläge machen, was man mit ihr anfangen soll, und man braucht nur noch einen davon zu bestätigen. Damit hätten wir dann auch wieder den Kreis zu Microsofts allseits beliebtem Office-Assistenten Karl Klammer geschlossen.

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