Warum schreiben wir Datumsangaben rechtsbündig?

Elftes Gebot: Das Datum hat rechts zu stehen. So haben wir es in der Schule gelernt, obwohl das vollkommen willkürlich ist. Oder doch nicht?

Handschriftlich beschrifteter Zettel mit der Überschrift »3. Biologie-Schularbeit«. Am rechten Rand steht das Datum 17.04.2004.
Dieses Datum weiß ganz genau, wo sein Platz im Leben ist – nämlich am rechten Seitenrand.

»Wieso schreiben wir das Datum immer rechts? Das ist komplett willkürlich und wir machen das nur, weil es uns in der Schule so antrainiert wurde.« Das waren – sinngemäß – Worte aus einem Business-Workshop, den ich einmal besucht hatte.

Der Vortragende wollte uns damit eigentlich motivieren, abseits von eingefahrenen Bahnen zu denken … oder irgendetwas in die Richtung. Ich hatte ihm zugegeben nur noch mit einem Ohr zugehört, weil mich die konkrete Frage mehr beschäftigt hatte als das, was er eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Er konnte ja nicht ahnen, dass er einen Spinner wie mich im Publikum hat, der sich leidenschaftlich gern zu solchen banalen Themen die Finger wund schreibt.

Stimmt das überhaupt?

Komplett spurlos ist der restliche Workshop zugegeben auch nicht an mir vorüber gegangen. Ich kann mich noch an ein zweites Anschauungsbeispiel erinnern, das bei mir genauso seinen Zweck verfehlt hatte wie das erste – und zwar die Geschichte von einem Unternehmer, der erfolgreich ein Hammer-und-Nagel-Set zum Aufhängen von Bildern verkauft hatte, bevor er von UHU Patafix aus dem Markt gedrängt wurde.

Das wurde mit vollem Ernst als Tatsachenbericht vorgetragen, sodass ich vergeblich auf den abschließenden Satz warten musste, der da lauten sollte: Und wenn der Unternehmer nicht gestorben ist, dann lebt er auch noch heute. Patafix, das wie ein benutzter Kaugummi funktioniert, konnte in meiner Wohnung kaum ein größeres Poster an der Wand festhalten. Wer damit ein Bild samt Glasrahmen befestigen will, glaubt hoffentlich daran, dass Scherben Glück bringen.

Rückseite der Verpackung von UHU Patafix auf der u.a. steht: »… zum schnellen und sauberen Befestigen und Fixieren von kleineren Gegenständen …«.
UHU verspricht nicht mehr als das »Fixieren von kleineren Gegenständen«, aber laut selbsternannten Experten für Datumsausrichtung macht dieser Kaugummi-Kleber sogar Hammer und Nagel obsolet.

Man ist daher sicher gut damit beraten, auch die Datumsgeschichte nicht unreflektiert für bare Münze zu nehmen und zu fragen: Stimmt das überhaupt?

Meine spontane Antwort wäre ein »Ja«, meine weniger spontane bestenfalls ein »Ja, aber …«. Typischerweise schreibe ich ein Datum an den rechten Seitenrand, aber »typischerweise« heißt nicht »immer«. Es gibt sowohl handschriftliche als auch digitale Texte von mir, in denen Datumsangaben links stehen. Hier auf WIESOSO ist diese Ausnahme zum Beispiel Regel.

Auch in Briefvorlagen kann ich keine Rechtslastigkeit finden. Mein Textverarbeitungsprogramm, LibreOffice Writer, beinhaltet zwei Vorlagen für Geschäftsbriefe, wobei das Datum in einem links und im anderen rechts ausgerichtet ist. Microsoft Word bietet eine deutlich größere Auswahl, aber in den ersten zehn Vorlagen, die mir hier angezeigt werden, steht das Datum – sofern überhaupt eines vorgesehen ist – kein einziges Mal rechts.

2 Briefvorlagen. Auf einer ist das Datum linksbündig ausgerichtet, auf der anderen rechtsbündig.
LibreOffice Writer gibt sich unvoreingenommen und lässt das Datum in seinem umfangreichen Sortiment von zwei Vorlagen ein Mal links und ein Mal rechts stehen.

Sucht man im Web nach einer Antwort, was denn nun für Briefe korrekt ist, findet man sehr weit oben in den Suchergebnissen einen Eintrag von wikiHow.com mit der Empfehlung, das Datum – je nachdem, wie formal der Brief ist – entweder linksbündig auszurichten oder ein Stückchen rechts der Mitte zu platzieren. Rechtsbündige Ausrichtung ist dort nicht einmal eine Erwähnung wert. Wenn man sich den Artikel genauer ansieht, stellt man aber auch fest, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Das Original stammt – genauso wie Microsoft Word – aus Amerika.

Blättere ich als Österreicher dagegen durch meine Unterlagenmappen mit gesammelten Briefen von Stromanbietern, Rauchfangkehrern und diversen Halsabschneidern, steht das Datum immer rechts.

Die Aussage, dass »wir das Datum rechts schreiben«, ist also zumindest nicht pauschal gültig … zumal besagter Workshop, auf dem diese Aussage gefallen ist, ein multinationales Zusammentreffen in Belgrad war.

Streng nach Ex-Norm?

Dass es das Datum in meinen österreichischen Dokumenten nach rechts verschlagen hat, könnte an der Layoutgestaltung nach Empfehlung der ÖNORM A 1080 liegen. Dort steht explizit: »Ort und Datum wird ein bis drei Zeilenschritte nach der Empfängerangabe rechtsbündig geschrieben.«

Allerdings hat diese Norm heutzutage ähnlich viel Bedeutung wie die Hausordnung der Wiener Rotunde. Die Rotunde gibt es seit 1937 nicht mehr, der ÖNORM A 1080 geht es seit 2018 ebenso – da wurde sie nämlich mangels Interesse ersatzlos zurückgezogen … nach einer Diskussion über politische Korrektheit.

Wer öfters meine Artikel liest, hat jetzt vielleicht ein Déjà-vu, denn erst vor wenigen Monaten hatte ich die österreichische Norm für Buchstabieralphabete erwähnt, die vom gleichen Schicksal heimgesucht wurde. Wie man sieht, pflegen wir Österreicher mit unseren Normen einen sehr bequemen Umgang – keine Lösung ist im Zweifelsfall auch eine Lösung. Dabei hatte ich uns immer für viel bürokratischer gehalten.

Aber zumindest unsere Nachbarn im Norden werden ihrem klischeehaften Ruf gerecht und pflegen sowohl ihre Buchstabieralphabete als auch ihre Briefvorlagen. In der DIN-Norm 5008, »Schreib- und Gestaltungsregeln für die Text- und Informationsverarbeitung« gibt es eine Vorlage, bei der das Datum Teil eines rechts ausgerichteten Informationsblocks ist.

Schematische Darstellung von verschiedenen Blöcken und Daten im oberen Bereich eines Briefes inkl. Abmessungen.
Ausschnitt aus einer Vorlage nach DIN 5008 mit Informationsblock auf der rechten Seite. Das Datum selbst ist genau genommen nicht rechtsbündig ausgerichtet, aber der Block drumherum schon – das sollte reichen, um als rechts zu gelten. (Bildquelle: Flamon, CC0 1.0, Bild beschnitten)

Nicht rechts, sondern außen

Briefe sowie ihre Normen und Nicht-mehr-Normen sind schön und gut, aber Datumsangaben gibt es natürlich nicht nur dort. Da uns angeblich die Schule das Rechtsausrichten eingebläut haben soll, lohnt sich ein Blick auf die dort üblichen Medien – also vor allem Hefte und Mappen.

Wenn ich so etwas mit Text befülle, schreibe das Datum nicht grundsätzlich rechts, sondern jeweils am äußeren Seitenrand. Auf ungeraden Seiten ist das der rechte, aber auf geraden Seiten der linke.

Linke Seite in einem händisch beschriebenem Buch ist links oben mit »31.7.22« beschriftet.
In meinem Traumtagebuch schreibe ich die Datumsangaben als wesentliche Orientierungspunkte immer am äußeren Rand an, hier am linken.

Das ist auch praktisch so, weil ich damit beim Durchblättern sofort sehe, wo ein Eintrag aufhört und der nächste anfängt. Je weiter das Datum vom Rand entfernt wäre, desto weiter müsste ich eine Seite erst aufdecken, um es zu sehen.

Wörterbuch beim Durchblättern mit der rechten Hand, sodass man nur wenige Zentimeter der rechten Seiten sieht.
Der aktuelle Buchstabe und ein Orientierungswort sind auch in Wörterbüchern sinnvollerweise außen angeschrieben, sodass man selbst mit minimalen Blätterbewegungen immer weiß, wo man gerade ist.

Dass wir im deutschsprachigen Raum auch auf einseitigen Dokumenten wie Briefen das Datum rechts schreiben, könnte mit der Konvention zusammenhängen, dass wir die erste von mehreren Seiten üblicherweise als eine rechte Seite behandeln: Seitennummerierungen beginnen praktisch immer auf einer rechten Seite und einseitig beschriftete Dokumente werden links gelocht, um sie als rechte Seiten in Mappen einzuordnen.

Rechte Seiten für rechte Hände

Nun habe ich es als Konvention bezeichnet, dass Einzelseiten als rechte Seiten interpretiert werden. Hat das Märchen von der reinen Willkür also zumindest einen wahren Kern?

Auf den ersten Blick spräche ja kaum etwas dagegen, die Zählung auf einer linken Seite zu beginnen. In Heften und Büchern verschwenden wir meistens sogar die Innenseite des Umschlages an gähnende Leere, nur um rechts zu starten. In Japan funktionieren Bücher unterdessen auch dann, wenn sie aus westlicher Sicht spiegelverkehrt produziert werden.

Allerdings denke ich, dass unsere Konvention einen Vorteil für Rechtshänder darstellt – und das ist nun mal die Mehrheit aller Menschen. Als Rechtshänder blättere ich bevorzugt mit der rechten Hand durch Bücher und Dokumente. Wenn ich dabei eine Seite unter dem Daumen weggleiten lasse, sehe ich sofort die nächste rechte Seite dahinter, aber die linke Seite sehe ich erst dann, wenn vollständig umgeblättert ist … sofern ich überhaupt vollständig umblättere, was bei einer raschen Suche praktisch nie der Fall ist.

Weit aufgeklapptes Buch. In der Mitte stehen einige Seiten aufrecht in die Richtung des Betrachters.
Wer mit rechts blättert und die linken Seiten sehen will, muss das Buch so halten, dass die Schwerkraft mitspielt.

Im Hausübungsheften mag das nicht viel Unterschied machen, weil linke und rechte Seiten gleichmäßig beschriftet sind – da sieht man in jede Richtung nur die Hälfte. Aber in meinen Dokumenten- und Rechnungsmappen würde ich beim Linksdurchblättern vorwiegend leere Rückseiten sehen.

Das Datum als Randbemerkung

Bevorzugt nach rechts zu blättern, passt auch gut damit zusammen, dass wir von links nach rechts schreiben – ebenfalls eine Konvention, die uns Rechtshändern zugute kommt, weil wir dadurch nicht so leicht mit unseren Schreibhand-Wurstfingern die frische, feuchte Tinte verschmieren. Nachdem Textzeilen damit typischerweise bündig am linken Rand beginnen, liegt es nahe, Orientierungspunkte wie das Datum zur besseren Unterscheidung rechts auszurichten.

Im Handschriftlichen bietet sich auch kaum etwas so sehr für Rechtsausrichtung an wie Datumsangaben, weil diese eine kurze und vorhersehbare Länge haben. Wer längere Textschnipsel, etwa Überschriften, rechts haben will, läuft in Gefahr, zum kreativen Stauchungs- und Silbentrennungs-Künstler zu werden.

Eventuell steht das Datum auch deshalb oft abseits der eigentlichen Textausrichtung, weil es im wahrsten Sinn des Wortes eine Randbemerkung ist, also etwas, das nicht den zentralen Inhalt bildet. Wenn ich mit der Post eine Rechnung bekomme, interessiert mich das Datum erst einmal überhaupt nicht und ich brauche es beim Lesen nicht extra zu überspringen, wenn es ohnehin im Abseits steht. Ich beachte es erst dann, wenn mir bewusst wird, dass die Rechnung schon seit Wochen unbearbeitet in meiner Ablage verstaubt.

Handschriftlich bleibt mir oft auch gar keine andere Möglichkeit, als Randbemerkungen rechts anzuschreiben. Wenn ein persönliches Meeting wider Erwarten konstruktiv wird, sodass ich plötzlich das Bedürfnis verspüre, Notizen zu machen, dann schreibe ich zuallererst die Inhalte auf. Das Datum kommt, wenn überhaupt, erst später dazu – und links oben ist dann in der Regel nicht mehr viel Platz dafür, weil ich dort ja mit dem Schreiben begonnen hatte.

Handschriftliche Notizen in blauer Kugelschreiberfarbe. Rechts neben dem eigentlichen Text stehen in einem anderen Blauton das Datum und ein weiterer Vermerk.
Wie man an der unterschiedlichen Schriftfarbe erkennen kann, habe ich Datum und Ort hier erst nachträglich ergänzt – und zwar dort, wo noch genügend Platz war.

Auch die Datumsangaben auf WIESOSO betrachte ich als Randnotizen. Wie weiter oben schon erwähnt, sind sie zwar – mit Ausnahme der Kommentare – linksbündig, aber dafür auf andere Art und Weise aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verbannt. Auf der Übersichtsseite ist die Schrift grau auf weißem Untergrund und im Artikel selbst steht die Datumsangabe erst ganz am Ende in Kleinschrift.

Ich muss es ja schließlich niemanden unter die Nase reiben, wenn man hier gerade einen Artikel liest, der in der schnelllebigen Social-Media-Welt von heute schon ein Fall für Archäologen wäre.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Muvimaker, 2023-09-29 19:37:

Ich möchte Ihren Artikel einmal mit einer Gegenfrage kommentieren: Warum stehen in Druckwerken die teuersten Inserate (und manchmal Damen in Oben-ohne-Darstellung) immer auf der rechten Seite und hier meistens oben? Richtig! Weil man auf diesen Bereich zuerst blickt.

Bisherige Kommentare

  • Muvimaker

    Ich möchte Ihren Artikel einmal mit einer Gegenfrage kommentieren: Warum stehen in Druckwerken die teuersten Inserate (und manchmal Damen in Oben-ohne-Darstellung) immer auf der rechten Seite und hier meistens oben? Richtig! Weil man auf diesen Bereich zuerst blickt.

  • Tony T

    Interessant!
    Mit deiner selbstgebastelten Seite hast du einen Vorteil, bei meinem Editor muss das Datum am Anfang stehen ;)