Beziehungsprobleme zwischen Uhrzeigern und ihren Zifferblättern

Uhrzeiger sind im Vordergrund, Zifferblätter im Hintergrund – zumindest physisch, doch optisch wird einem diese Unterscheidung nicht immer so leicht gemacht.

Sieben unterschiedliche Armbanduhren.
Alle Armbanduhren, die ich seit Kindheitstagen für längere Zeit getragen habe … und jene, die ich seit kurzem trage.

Erwachsene Menschen, die schon seit Kindheitstagen durchgehend Armbanduhren tragen, gehören zu einer aussterbenden Spezies. Ich bin einer von diesen Spießern – aber nicht bloß aus Gewohnheit, sondern auch deshalb, weil ich, wie ich schon einmal erläutert, auch in der Smartphone-Ära noch praktische Gründe für das Tragen klassischer, mechanischer Uhren sehe.

Nichtsdestotrotz habe ich mir erst unlängst, im zarten Alter von 37 Jährchen, zum ersten Mal selbst eine Armbanduhr gekauft. Weil ich nicht nur Spießer, sondern auch Pfennigfuchser bin, hatte ich bisher einfach getragen, was ich bis ins Jugendalter hinein von Verwandten geschenkt bekommen hatte.

Batteriewechsel gehen mir bekanntlich auf den Zeiger, deshalb hatte ich aus meinem Sortiment zuletzt eine Seiko Kinetic verwendet, eine Mischform aus Quarz- und Automatik-Uhr – oder weniger technisch ausgedrückt: ein Gerät, das zwar mit Strom läuft, sich aber durch alltägliche Handbewegungen selbst auflädt. Der dazu notwendige Akku dürfte nun nach Jahren treuer Dienste seinen Lebensabend erreicht haben. Letztendlich ist so ein Akku ja auch nur eine wiederaufladbare Batterie, die irgendwann getauscht werden muss. Um meine Abneigung gegenüber Batterien auf die Spitze zu treiben, wurde es damit Zeit für meine erste rein mechanische Uhr.

Gläserne Rückseite einer Armbanduhr, durch die man die Mechanik im Inneren sieht.
Automatik-Uhren zeigen ganz gerne durch eine gläserne Rückseite, dass man nicht (komplett) über den Tisch gezogen worden ist und (zumindest) wirklich ein rein mechanisches Ding ohne Batterie erworben hat.

Ob dieser Technik-Wechsel aus praktischer Sicht sinnvoll war, darf bestritten werden, denn rein mechanische Uhren haben aus Prinzip nicht die gleiche Ganggenauigkeit wie elektrische. Jetzt brauche ich mir zwar über Batterien und Akkus keine Gedanken mehr machen, muss die Uhr aber einmal pro Woche nachstellen, damit sie um maximal eine Minute von der tatsächlichen Zeit abweicht. Das letzte Lachen werde ich also bestenfalls in der Postapokalypse haben, wenn es keine Batterien mehr gibt und meine Uhr als eine der letzten trotzdem noch lustig – wenn auch komplett unsynchronisiert – vor sich hin tickt.

Deutlich praxistauglicher war meine Entscheidungsfindung bei der Frage nach dem Design von Zifferblatt und Zeigern.

Überladene Klunker

Dezent sollte meine neue Uhr sein – das war für mich selbstverständlich. Meine Idealvorstellung war das Langweiligste, was man sich nur ausdenken kann: weißes Zifferblatt und schwarze Zeiger, ganz ohne Schnickschnack. Aber wie bei so vielen Dingen sind die biedersten Designs gar nicht so leicht zu finden. Die meisten Designer wollen sich wohl lieber kreativ austoben statt »Form Follows Function« zu praktizieren.

Grundsätzlich ist es ja legitim, eine Armbanduhr auch als Schmuck zu betrachten, aber oft zieht sie schon in der einfachsten Form viel Aufmerksamkeit auf sich. Immerhin ist so ein Handband-Zeitmesser im Vergleich zu den meisten anderen Schmuckstücken ziemlich groß und – sofern ein Sekundenzeiger vorhanden ist – ständig in Bewegung. Wenn dann obendrein noch verschnörkelte Zeiger über einem bunt glänzenden, wild gemusterten Zifferblatt stehen, sind selbst manche Kronjuwelen dezenter.

Natürlich stellt sich immer auch die Frage, wie es zum sonstigen Kleidungsstil passt. Wenn ich ein Sakko mit Leopardenmuster und ein Diamant-Halsband trage, fällt eine Mickey-Maus-Uhr wahrscheinlich auch nicht weiter auf; aber ich Langweiler trage tagein, tagaus weiße Business-Hemden und hätte gerne, dass mir Gesprächspartner in die Augen schauen statt aufs Handgelenk.

Im Gegenzug würde ich selbst beim Blick auf meine Uhr gerne die Zeit sehen und nicht irgendwelche Muster, Bildchen oder Zahnrädchen, zwischen denen ich erst einmal die Zeiger finden muss.

Zwei Armbanduhren. Bei einer ist ein großer Teil des Zifferblatts durchsichtig und man sieht unter den Zeigern Elektronik- und Mechanikbauteile. Die zweite Uhr hat auf ihrem Zifferblatt ein Bild von einem Baum.
Interessante, aber nutzlose Design-Ideen, die nicht gerade zur besseren Erkennung der Zeiger beitragen.

Zugegeben sind nicht alle optischen Ablenkungen nutzloser Zierkram. Manche Uhren bringen unter den Haupt-Zeigern schließlich auch Zusatzfunktionen wie Stoppuhren, Mondphasenkalender oder Ähnliches unter. Besonders die Stoppuhrfunktion scheint sehr populär zu sein – zumindest bei den Herstellern. Ich hatte eine solche zwar auf mehreren meiner alten Armbanduhren, kann aber an einem Finger abzählen, wie oft ich sie tatsächlich genutzt hatte. Und einen Mondphasenkalender würde ich frühestens dann brauchen, wenn ich von einem Werwolf gebissen werde.

Zwei Armbanduhren, die beide auf dem Ziffernblatt drei kleinere Zifferblätter und Zeiger haben (Stoppuhrfunktion).
Nützlicher als reine Design-Spielereien, aber auch nicht gerade ein Zugewinn an Übersicht. Dass bei diesen Uhren der große Sekundenzeiger nicht zur Uhrzeit gehört, sondern zur Stoppzeit, ist auch nicht unbedingt intuitiv verständlich und hat mir mehrmals Häme von Unwissenden eingebracht, die meinten, dass meine Uhr stehengeblieben sei.

Natürlich bin ich nicht der Nabel der Welt. Wer Kurzstreckenläufer oder die Kochzeit seiner Frühstückseier unbedingt am Handgelenk stoppen will, soll sich ruhig an so einer Stoppuhrfunktion erfreuen. Ich vermute bloß, dass viel mehr Uhrenträger eine solche Funktion haben, obwohl sie diese nie verwenden. In diesen Fällen macht sie bloß das Ablesen der Uhrzeit schwieriger, als nötig wäre.

Es mag in der Regel nicht so dramatisch sein, dass jeder Blick auf die Uhr zum Wo-ist-Walter-Spiel wird, aber unter ungünstigen Bedingungen wie schlechter Beleuchtung oder im Vollrausch wird man doch ganz dankbar über störungsfreie Formen und Kontraste sein.

Unterladene Klunker

Beim Thema Kontrast gibt es aber auch das andere Extrem: Neben überkomplexen Zifferblättern, die mit den Zeigern um Aufmerksamkeit ringen, gibt es auch Zeiger, die gar nicht erst versuchen, sich vom Zifferblatt abzuheben.

Die letzte Uhr, die ich vor meinem Neukauf getragen hatte, war mit ihrem weißen Zifferblatt schon relativ nah an meiner Wunschvorstellung; allerdings war nicht bloß das Zifferblatt glänzend hell, sondern auch die Zeiger strahlten in silbernem Glanz, sodass unter ungünstigen Lichtverhältnissen alles nur noch weißer Matsch war.

Zwei Uhren mit weißem Zifferblatt, eine mit silbrig glänzenden, die andere mit schwarzen Zeigern. Darunter noch einmal das gleiche Bild in verschwommener Form.
In weichgezeichneter Form wird noch einmal deutlicher, was klare Kontraste für einen Unterschied machen.

Wenn Zeiger auf hellem Untergrund unbedingt aus einem glänzenden Material gefertigt sein müssen, wäre ein Schwertschliff hilfreich, damit in den allermeisten Fällen zumindest eine Hälfte des Zeigers dunkler als die andere ist. Das letzte Hilfsmittel, das man sonst noch hat, um helle Zeiger von einem hellen Untergrund zu unterscheiden, ist ihr Schatten. Aber manche Designer sind so sadistisch, dass sie auch dunkle Zifferblätter mit dunklen Zeigern auf den Markt bringen.

Eine andere Form von übertriebenem Minimalismus sind Zifferblätter, die nicht nur keine Ziffern, sondern gar keine Markierungen mehr enthalten. Einen Kreis, den ich direkt vor mir habe, kann ich zwar gedanklich noch relativ leicht in vier Viertel teilen und mich so einigermaßen orientieren, aber meine Armbanduhr halte ich mir nur selten frontal vors Gesicht und könnte mich deshalb je nach Perspektive um ein gutes Stück irren.

Armbanduhr mit einem komplett dunkelgrauen Zifferblatt ohne Zahlen oder Markierungen.
Darf man das noch Zifferblatt nennen? (Bildquelle: Adobe Stock / MarianStock, Bild beschnitten)

Mindestens Viertelstundenmarkierungen sind deshalb schon ein großer Vorteil. Wer auf die Stoppuhrfunktion verzichtet hat, weil er der Meinung war, die Kochzeit seiner Drei-Minuten-Eier auch so an der Uhr ablesen zu können, wird aber sicher auch für weitere Markierungen dankbar sein.

Vom Zeiger überschattet

Etwas zwiegespalten bin ich bei der Frage, ob ein Zifferblatt seinem Namen alle Ehre machen und tatsächlich Ziffern anzeigen muss. Für Kinder oder Leute, die bisher nur Digitaluhren gewohnt sind, ist das sicher hilfreich, aber wenn man das Analog-Konzept einmal verinnerlicht hat, sind diese Ziffern mitunter auch nur noch ein Störfaktor im Hintergrund, der das spontane Ablesen der genauen Zeigerposition erschwert.

Was man generell bei allen Informationen am Zifferblatt beachten sollte, sofern sie nicht gerade am äußersten Rand liegen: Sie werden je nach Uhrzeit von den Zeigern verdeckt. Bei den Uhrzeit-Ziffern ist das vermutlich noch das geringste Problem, weil man wohl davon ausgehen kann, dass selbst junge Uhrenträger zählen können und deshalb nicht gleich aufgeschmissen sind, wenn der Minutenzeiger die Zahl zwischen 2 und 4 überdeckt. Aber für diverse Zusatzfunktionen kann das ein Problem darstellen. Mir ist das erstmals bei einer Datumsanzeige aufgefallen – der einzigen Zusatzfunktion, die ich tatsächlich gelegentlich nutze … sofern sie gerade sichtbar ist.

Uhr mit Datumsanzeige, die vom Minutenzeiger verdeckt wird.
Wie zum Hohn hat der Minutenzeiger einen Schlitz in der Mitte, der mehr Durchblick auf das Zifferblatt freigibt – außer dort, wo es auf dem Zifferblatt tatsächlich etwas zu sehen gäbe (Datumsanzeige auf 3 Uhr).

Wenn man also irgendwelche relevanten Informationen am Zifferblatt haben will, sollte man auch darauf achten, dass die Zeiger an den entsprechenden Stellen zumindest schmal genug sind, um mit einer leichten Neigung der Uhr an ihnen vorbei schauen zu können.

Es werde Licht!

Für optimalen Kontrast hat meine neue Uhr – wie von mir gewünscht – schwarze Zeiger; aber auf diesen befindet sich trotzdem auch ein schmaler, heller Streifen. Der Grund: Dabei handelt es sich um die nachleuchtende Farbe, die sich auf den allermeisten Zeigern befindet, damit man sie auch im Dunkeln noch einige Zeit ablesen kann.

Darüber hatte ich bei der Anschaffung zugegeben nicht nachgedacht, aber das ist natürlich ein praktisches Feature. Weil es sich um so schmale Streifen handelt, ist der Leuchteffekt allerdings ernüchternd schwach ausgeprägt und ich muss schon unter meine Bettdecke kriechen, um ihn wahrzunehmen. Da war meine Vorgänger-Uhr mit ihren etwas plumperen Zeigern klar im Vorteil.

Damit stellt sich die Frage, ob dunkle Zifferblätter mit hellen, etwas dickeren Leuchtzeigern nicht die bessere Lösung wären. Nachdem bei diesen Uhren üblicherweise auch die hellen Markierungen am Zifferblatt nachleuchten, hätten sie auch noch einen weiteren Vorteil gegenüber meiner Uhr, die mir in der absoluten Dunkelheit überhaupt keine optischen Informationen mehr über ihre Ausrichtung liefert.

Die nachleuchtenden Elemente von zwei Uhren im Dunkeln. Links sieht man deutlich zwei Zeiger und acht Zahlen am Zifferblatt, rechts sieht man nur zwei dünne Zeiger.
Links meine letzte Uhr mit dunklem Zifferblatt, rechts meine aktuelle Uhr. Ich lasse das Rätsel offen, ob beide Uhren in dieselbe Richtung zeigen.

Allerdings kann ich auch nicht nachvollziehen, warum es unbedingt die Zeiger sind, die nachleuchten müssen. Bei dunklen Zeigern und hellem Zifferblatt läge es ja eigentlich auf der Hand, dass letzteres leuchten sollte, aber das scheint mehr Ausnahme als Regel zu sein. Vielleicht sind die Uhrendesigner ja Nachtmenschen und denken sich: »Was? Ein nachleuchtendes Zifferblatt? Wer so etwas Auffälliges haben will, muss ein schriller Freak sein … mit Leopardenmuster-Sakko und Diamant-Halsband.«

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Kommentare

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Michael Treml, 2023-07-22 18:42:

Oh ja, flach und Metallarmband sind mir auch wichtig. Meine meisten anderen Armbänder hatten nach einiger Zeit ziemlich mitgenommen ausgesehen und meine erste Uhr mit Metallarmband war ein ganz schön schwerer Brocken. Erst als bei dieser die Batterie leer war, hatte ich mir – vorerst nur als vorübergehenden Ersatz – meine Seiko Kinetic angelegt … und hatte dann nach ein paar Tagen gemerkt, dass ich gar nicht mehr zurück wechseln will, weil sie neben dem Kinetic-Vorteil auch flacher und leichter ist.

Sieben mal dasselbe Modell in 15 Jahren ist eine bemerkenswert hohe Frequenz. Da hatte ich zumindest mit meinen letzten Paar Uhren wesentlich mehr Glück. Die letzte habe ich rund 10 Jahre lang benutzt und insgesamt muss sie schon über 20 Jahre alt gewesen sein.

Bisherige Kommentare

  • Tony T

    Meine Kriterien waren immer: digital (für die schnellstmögliche Zeitablesung), flach (leicht), mit stabilem Metall-Armband. Aus Faulheit hab ich mir in den letzten 15 Jahren ca. 7x dasselbe Modell gekauft, vor zwei Wochen ist nun zum 7. Mal ein Scharnier gebrochen ... Jetzt werd ich mir was anderes suchen. Wie auch bei dir: Gar nicht so einfach!

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Tony T:

      Oh ja, flach und Metallarmband sind mir auch wichtig. Meine meisten anderen Armbänder hatten nach einiger Zeit ziemlich mitgenommen ausgesehen und meine erste Uhr mit Metallarmband war ein ganz schön schwerer Brocken. Erst als bei dieser die Batterie leer war, hatte ich mir – vorerst nur als vorübergehenden Ersatz – meine Seiko Kinetic angelegt … und hatte dann nach ein paar Tagen gemerkt, dass ich gar nicht mehr zurück wechseln will, weil sie neben dem Kinetic-Vorteil auch flacher und leichter ist.

      Sieben mal dasselbe Modell in 15 Jahren ist eine bemerkenswert hohe Frequenz. Da hatte ich zumindest mit meinen letzten Paar Uhren wesentlich mehr Glück. Die letzte habe ich rund 10 Jahre lang benutzt und insgesamt muss sie schon über 20 Jahre alt gewesen sein.