Der Schreibschrift geht die Tinte aus

Die Schreibschrift hat eigentlich einen absurden Namen – immerhin kann man auch mit anderen Schriften als der Schreibschrift schreiben. Ihr Problem ist, dass das immer mehr Menschen auch machen.

Das Wort »Schreibschrift«, geschrieben in einer Schreibschrift und nach rechts blasser werdend.
(Schriftquelle: schriftgenerator.eu – meine eigene Handschrift wäre als Anreißerbild zu abschreckend, daher gibt es die erst weiter unten zu sehen.)

Als mir mein Bruder vor einigen Jahren offenbarte, dass er händisch nur noch in Druckbuchstaben statt in einer verbundenen Schreibschrift schreibt, tat ich ihn für einen Spinner ab. Mittlerweile bin ich schlauer: Die Abgewöhnung der Schreibschrift ist ein Massenphänomen. Sogar Schulen verschiedener Länder gehen dazu über, sie nicht einmal mehr zu unterrichten. Ist das gut und richtig oder der Untergang des Abendlandes?

Begriffe begreifen

Alphabet mit Groß- und Kleinbuchstaben, links in geschwungenen Linien, rechts nahe an gedruckten Buchstaben.
Zwei Handschriften: links eine Schreibschrift, rechts eine Blockschrift. (Original-Bildquellen: Tost, Renate CC BY-SA 4.0; Hamburger Schulbehörde, Public Domain)

Zuallererst muss ich einmal feststellen, dass der Begriff »Schreibschrift« ein Schildbürgerstreich ist. Gibt es denn Schriften, in denen man nicht schreiben kann? »Schreibschrift« ist ähnlich sinnvoll wie »Leuchtlampe« oder »Rauchzigarette«. Gemeint sind Schriften, bei denen man die einzelnen Buchstaben miteinander verbindet und damit nicht so oft absetzen muss, wenn man sein Schreibgerät über das Papier führt.

Es geht also allgemein um Handschrift – in Abgrenzung zu gedruckter oder digitaler Schrift. Wobei das auch wieder ein etwas irreführender Begriff ist, schließlich schreibt man auch auf einer Tastatur mit der Hand und umgekehrt kann man durchaus lernen, seine »Handschrift« mit den Füßen zu schreiben. Darüber hinaus sind heutzutage mit Scannern und Touchscreens die Übergänge zur digitalen Schrift ohnehin oft fließend. Treffender wäre es also, nicht von Handschrift, sondern von Stiftschrift zu reden. Das klingt auch lustiger, weil es sich reimt, und was sich reimt, ist bekanntlich gut.

Neben der Schreibschrift gibt es bei der Handschrift als Alternative noch die Druck- oder Blockschrift. Das umfasst alle Stiftschriften, bei denen die einzelnen Buchstaben nicht miteinander verbunden werden.

Niemand schafft die Handschrift ab

In dieser Diskussion die richtigen Begriffe zu verwenden, ist essentiell. Nicht wenige Leute verwechseln Handschrift mit Schreibschrift und glauben dann, dass Schreibschrift-Unkundige bei einem Stromausfall nicht einmal mehr in der Lage wären, Text auf ein Blatt Papier zu bekommen.

Sucht man im Web nach Informationen zur Abschaffung der Handschrift, findet man an vorderster Stelle etwa einen Spiegel-Artikel mit dem Titel »Schule: PISA-Sieger Finnland will Handschrift abschaffen«, in dem dann aber in Wahrheit nur von Schreibschrift die Rede ist. Das dürfte sich so schnell herumgesprochen haben, dass letztendlich die finnische Botschaft in Berlin klarstellen musste, dass die Abschaffung der Handschrift in Finnland ein Märchen ist. Es ist lediglich die Schreibschrift, die nicht mehr unterrichtet wird.

Versteckspiel der Schreibschrift

Von Feinden der Schreibschrift wird gerne argumentiert, dass sie ein unnötiger, mühsamer Lernaufwand sei. Wenn ich da zurückdenke, fällt mir auf, dass ich in diesem Bereich eine gewaltige Erinnerungslücke habe. Ich kann mich zwar daran erinnern, wie wir in der Schule an regelmäßigen »Buchstabentagen« jeweils einen neuen Buchstaben kennen gelernt haben, der Übergang zur Schreibschrift fehlt in meinem Gedächtnis aber komplett. Diese Gedächtnislücke ist umso erstaunlicher, weil ich während den Recherchen zu diesem Artikel herausgefunden habe, dass ich während meiner Schulzeit offenbar sogar von der österreichischen Schulschrift aus dem Jahr 1969 auf die neue von 1995 umgeschult wurde.

Grundsätzlich fühle ich mich, als hätte ich nie anders als in einer verbundenen Handschrift geschrieben. Wahrscheinlich kam auch deshalb diese ganze Debatte so überraschend für mich. Abgesehen von meiner eigenen Handschrift bekomme ich in unserer technisierten Welt ja doch recht selten eine andere zu Gesicht – und wenn, dann eher von Leuten, die älter sind als ich. Die sind dann meistens auch nicht hipp genug, um schon auf den neuen Druckschrift-Trend aufgesprungen zu sein.

Gerade deshalb finde ich die Frage aber auch durchaus berechtigt, ob man Schreibschrift noch unterrichten muss. Das einzige Handgeschriebene, das ich regelmäßig vor der Nase habe, sind persönliche Notizen für mich selbst. In welcher Norm und Form ich die schreibe, ist eigentlich herzlich egal.

Deine Mutter … schreibt schöner als ich

Grundsätzlich muss ich gestehen, dass sich meine Handschrift im Lauf der Jahre immer mehr meiner Unterschrift annähert. Mit anderen Worten: Sie wird immer unleserlicher.

Meine Schreibschrift ist so hässlich, …

  • … mein Opa meinte einst, sie sähe aus, als hätte man eine Spinne in ein Tintenfass getaucht und über das Blatt laufen lassen.
  • … als ich einmal einen beschrifteten Notizzettel um 90 Grad verdreht auf meinen Schreibtisch liegen gelassen hatte und später wieder kam, war ich selbst kurz verwirrt, wo dieser Zettel mit dem vermeintlich chinesischen Text her kommt.
  • … die könnte glatt Deine-Mutter-Witze ablösen.

Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar erstaunt, dass Lehrer und Professoren meine unter Zeitdruck hingekrakelten Prüfungsantworten entschlüsseln konnten. Aber vielleicht konnten sie das auch gar nicht und ich hatte so manche gute Note nur dem Umstand zu verdanken, dass der Prüfer das nicht zugeben wollte.

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Ein Studienkollege wollte einmal, dass ich ihm meine Mitschrift aus einer Vorlesung einscanne und zusende. Ich hatte ihn gewarnt, aber er wollte nicht hören …

Behörden und andere Formulardruckereien schieben dem von vornherein einen bürokratischen Riegel vor. »Bitte leserlich in Blockbuchstaben ausfüllen«, heißt es dort in der Regel und es wird für jeden einzelnen Buchstaben ein Kästchen vorgegeben. Dort hatte man wohl ausreichend Erfahrungen mit Leuten wie mir gesammelt, um die Schreibschrift schon vor langem abzuschaffen.

Aus ähnlichen Gründen versuche ich auch immer wieder in Blockschrift zu schreiben, wenn ich sicher gehen will, dass andere Leute es lesen können. Die Schreibschrift ist mir aber bereits dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass das in der Regel zu einer seltsamen Mischkulanz führt, bei der dann einzelne Zeichen doch wieder Wellen, Schleifen und Verbindungslinien bekommen.

Und selbst wenn ich es konsequent durchhalte: schön ist es auch nicht. Meine Schreibschrift sieht zwar aus, als hätte ich die Grenze zwischen Genialität und Wahnsinn in die falsche Richtung überschritten, aber meine Blockschrift sieht dafür so aus, als wäre ich von Affen großgezogen worden und hielte zum ersten Mal einen Stift in der Hand.

Schreibschrift ist magisch

Dass meine Blockschrift aussieht wie von George, der aus dem Dschungel kam, ist vielleicht subjektiv. Aber genau auf dieser Ebene findet auch ein großer Teil der Diskussion statt. Da geht es um das befriedigende Gefühl, wenn die Tinte aus dem antiken Füller auf das Papier fließt und das Schreibgerät ebenso fließend über den Untergrund dahingleitet. Da geht es um Schwung, Dynamik, um Kringel und um Schnörkel. Da geht es um Geburtstagskarten und um Liebesbriefe.

Auch der deutsche Sprachpfleger Bastian Sick hält sich kaum mit seiner Liebe für die Schreibschrift zurück. Unter anderem von der »Magie der ersten geschwungenen Linien« ist da die Rede, wofür er auch umgehend von einem weniger liebevollen und zauberhaften Leser in den Kommentaren angefeindet wird.

Fakten sind magischer

Aber natürlich verweist Herr Sick nicht nur auf Kult und Zauberei, sondern auch auf wissenschaftliche Fakten. Über eine nicht näher genannte Psychologin aus Montreal schreibt er: »Eine von ihr geleitete Studie war 2012 zu dem Ergebnis gekommen, dass Schüler, die eine gebundene Schreibschrift beherrschen, über eine höher entwickelte Feinmotorik verfügen, sich Texte besser merken können und ihren Sinn schneller erfassen.« Die FAZ gibt Ähnliches wieder, liefert aber auch den Namen der Psychologin, mit der sich letztendlich der Originalartikel finden lässt.

In der Studie wurden drei verschiedene Gruppen von Kindern im zweiten Schuljahr miteinander verglichen. Eine Gruppe hatte im ersten Jahr Blockschrift und im zweiten Jahr eine Schreibschrift gelernt, die anderen beiden Gruppen hatten jeweils nur Unterricht in einer der beiden Schriften. Ja, dabei geht die Schreibschrift grundsätzlich als Gesamtsieger hervor. Den Autoren ist das in ihrer Conclusio aber gerade einmal zwei Sätze wert. In den Mittelpunkt stellen sie stattdessen, dass die herkömmliche Methode – also zwei Schriften zu erlernen – die ineffektivste ist.

Das macht die Argumentation natürlich wesentlich schwieriger. Soll man jetzt gar keine Druckschrift mehr unterrichten, obwohl man im heutigen Alltag fast ausschließlich mit digitalen und gedruckten Buchstaben konfrontiert ist? Ist so eine Studie im zweiten Schuljahr überhaupt sinnvoll oder müsste man nicht eher erforschen, wie sich die Kinder danach entwickeln? Gerade der Vergleich von zwei Schriften mit einer einzelnen Schrift legt ja eigentlich nahe, dass die Studienergebnisse nur beschränkt aussagekräftig sein können. Wenn ich zwei Häuser baue, brauche ich schließlich auch länger als wenn ich nur eines errichte.

Höheres Tempo durch weniger Bewegung

Ein andermal war ich auf Bastian Sicks Website auch direkt in eine Diskussion im Kommentarbereich involviert. Ein Leser stimmte dort einen Lobgesang auf die Blockschrift an und stellte sie als fließender, schneller, unverkrampfter und kraftsparender dar.

So schwierig die Qualitäten unterschiedlicher Schriften auch einzuschätzen sind: Das erschien mir dann doch ziemlich unlogisch. Der wesentliche Unterschied zwischen Schreib- und Blockschrift ist ja schließlich der, dass man bei der Blockschrift wesentlich öfters den Stift absetzen muss und damit eine zusätzliche Bewegung ausführt. Wie soll man dadurch effizienter werden? Wenn ich beim Laufen zusätzlich in die Hände klatsche, laufe ich dadurch ja auch nicht schneller, unverkrampfter und kraftsparender. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Der Blockschriftfreund sah das Absetzen des Stiftes dagegen als Erholungspause an. Ja, das lasse ich mir durchaus einreden, wenn man einen Text mit einem Griffel in eine Betonwand ritzt. Aber beim alltäglichen Schreiben ist es ja doch eher so, dass man den Stift mehr oder weniger hinter der Hand herzieht und der Rest zu einem guten Teil von der Schwerkraft erledigt wird. Das Schreibgerät zur Erholung abzusetzen, ist etwa so als würde man im Supermarkt sagen: »Jetzt muss ich mal meinen Einkaufswagen ein Stück tragen, um mich kurz vom Schieben zu erholen.«

Die Schreibschrift wird nicht umsonst auch Kursive genannt. Das heißt übersetzt nichts Anderes als »fließend«, denn die Schreibschrift ist genau dafür gemacht, fließender als die Blockschrift zu sein.

Grundschrift: mit der Lizenz zum Verbinden

Wenn nun insbesondere in Deutschland von der Abschaffung des Schreibschriftunterrichts die Rede ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass Buchstaben nicht mehr verbunden werden dürfen. Zu all den Begriffen wie Handschrift, Schreibschrift und Blockschrift gesellt sich nämlich ein weiterer: die Grundschrift.

Es ist genau diese Schrift, die alle anderen ersetzen soll. Grundsätzlich ist das zwar eine Blockschrift, aber das Konzept sieht vor, dass Kinder daraus selbst ihre Handschrift entwickeln sollen, die durchaus auch verbunden sein darf. Ob das funktioniert, ist umstritten.

Drei Mal der Buchstabe T. Einmal aus zwei geraden Strichen, einmal aus zwei geschwungenen Strichen, einmal in einem einzigen Zug.
Ich habe heute je nach Situation drei verschiedene Schreibweisen des Buchstaben T. Die Variante aus einer einzigen Linie dürfte sich irgendwann aus dem geschwungenen T der alten Schulschrift ergeben haben. Wenn ich Verbindungen herstelle, wo keine vorgesehen sind, können das andere sicher auch – die Frage ist nur, in welchem Umfang?

Der Trend setzt sich fort

Die österreichische Schulschrift von 1995, auf die ich irgendwann umgelernt hatte, ist schon deutlich näher an der Blockschrift als es es die alte war. Schriften in Deutschland wurden im Lauf der Jahrzehnte auf ähnliche Weise entschnörkelt. Die generelle Abschaffung konkreter Schreibschriften klingt da nur nach einem logischen nächsten Schritt – insbesondere dann, wenn sie nach dem Erlernen ohnehin niemand mehr verwendet.

Text »Brot ist kostbar« mit Bildern statt einzelnen Worten. Darunter eine verballhornte Nur-Text-Fassung in meiner heutigen Handschrift.
Oben: Ausschnitt aus einem Religionsheft aus meiner frühen Schulzeit. Unten: Heutige (– um Leserlichkeit bemühte –) Fassung. In der Zwischenzeit habe ich nicht nur meinen Glauben, sondern auch die alte Schulschrift (weitgehend) abgelegt. Ohne die Schnörkel ist das zumindest schon näher an der Blockschrift als es früher war.

Nur aus Nostalgie sollte man die Schreibschrift nicht beibehalten und auch wenn sich in aufwändigen Studien hier und dort ein paar Vorteile nachweisen lassen, sollte man Aufwand und Nutzen gegenüberstellen. Wer seine Handschrift in der Praxis nur nutzt, um alle zehn Jahre mal bei defektem Smartphone einen Einkaufszettel auf Papier zu schreiben, muss dafür keine extra-effiziente Schrift erlernen. Ich selbst bin in Druckschrift zwar unbeschreiblich langsam, aber mehr als genug Leute beweisen, dass man hier mit mehr Übung auch durchaus alltagstaugliche Schreibgeschwindigkeiten erreichen kann. Wer besonders hohe Anforderungen an Geschwindigkeit hat, ist womöglich gut damit beraten, gleich Stenographie zu erlernen.

Mir persönlich ist letztendlich nur wichtig, dass im Zweifelsfall auch weiterhin jemand meine Handschrift lesen kann – zumindest unter der Voraussetzung, dass ich mich beim Schreiben etwas zusammenreiße statt eine Alternative für Deine-Mutter-Witze zu bieten.

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Kommentare

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Bisherige Kommentare

  • Marika Mitterhofer

    Herzlichen Dank für die humorvolle und gut verstandene Erklärung lieber Michael Treml. Da ich mich selbst mit Schreibschrift und Blockschrift beschäftige, habe ich jedes Wort aufgesaugt und mich über die Wahl sehr amüsiert. Texte schreiben kannst Du wirklich gut.
    Ich freue mich, deine Seite gefunden zu haben, sie mit anderen teilen und ich gelobe, mich länger mit Deinen geistigen Erkenntnisse zu beschäftigen.
    Herzlichen Dank
    Marika Mitterhofer
    heilende-handschrift.de

  • Muvimaker

    Das mit Finnland und Abschaffung der Schreibschrift wurde wirklich falsch kommuniziert. Ich habe es erst aus Ihrem Artikel entnommen, dass es nur um den Schreibschriftunterricht gehen sollte. Aber so ist das eben mit den heutigen Medien.
    Zu Ihrer gescannten Handschrift: Die Schrift ist "ausgeschrieben", jedoch relativ gut lesbar, da sie ein gleichmäßiges Schriftbild aufweist, trotzdem haben Sie eine fürchterliche Klaue. Aber hier stehen Sie nicht alleine da.
    Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass es mit der Handschrift insofern immer schlimmer wird. Ich kann zwar fortlaufende Sätze schreiben und machen wenige Fehler, doch das Schriftbild wird immer ärger und das Geschriebene fast nicht mehr lesbar. Ich führe das auf die nahezu ausschließliche Verwendung von PC und Notebook zurück. Am Mobiltelefon schreibe ich kaum eine SMS, gelegentlich nutze ich die Memofunktion für Stichworte, aber auch in solchen Fällen bevorzuge ich das analoge Post-It.
    Eigentlich eine traurige Entwicklung.
    Paradoxerweise beherrsche ich noch immer vieles aus der Stenografie und kann die Schriftzeichen fast genauso schreiben wie sie im Lehrbuch stehen.

  • Tony T

    Haha, in die Lava. :D Ich wurde 1996 bereits ohne Schnörkel eingeschult und hatte in der zweiten Klasse totale Angst, für das Erlernen der Schreibschrift vielleicht zu blöd zu sein ... Hab's aber dann doch hingekriegt^^