Ich fülle Formularfelder in Sekunden mit langen Texten … und bin weder Bot noch Spammer

Spamschutz kontrolliert manchmal, ob man glaubwürdig langsam ist. Aber eine meiner Gewohnheiten macht mich unglaubwürdig schnell.

Stoppuhr, die vor Bildschirm gehalten wird, der ein Formularfeld mit einem sehr langen Text anzeigt. Die Stoppuhr zeigt die Ziffern »00 01«.
Rekordverdächtig schnell beim Ausfüllen von Formularen … aber auch botverdächtig.

Unlängst wollte ich mich in meinen Facebook-Account einloggen … und musste nach gefühlt einer halben Stunde kapitulieren. Nicht etwa, weil ich meine Zugangsdaten vergessen hatte, nein, es war die Kontrolle, ob ich auch wirklich ein Mensch bin, die mir Unmenschen den Einlass verwehrte.

Nach minutenlangem Anklicken von Bussen, Zebrastreifen und Brillenträgern in rot-weiß gestreiften Pullovern landete ich ohne weiteren Kommentar wieder auf der Login-Seite, von der ich gekommen war. Im Verdacht, dass ich mich vielleicht doch beim Passwort vertippt hatte, versuchte ich es noch einmal. Und noch einmal. Vergebens. Erst ein paar Tage später konnte ich bei einem neuerlichen Antritt den unverhofften Rätsel-Spaß überwinden.

Glücklicherweise hatte ich so etwas davor schon lange nicht mehr gesehen. Die meisten Menschen-Detektoren erkennen mich während einer kurzen Wartepause vollautomatisch als Fleischklops, während ich verunsichert die Maus herumschubse, weil ich befürchte, dass ein stillstehender Mauszeiger zu nicht-menschlich wirken könnte. Manchmal braucht es auch einen Mausklick zur Bestätigung, aber das schaffe ich im Gegensatz zu den Wimmelbildern und Augentests gerade noch.

Screenshot surveys.ecb.europa.eu »Sicherheitsüberprüfung wird durchgeführt. Diese Website nutzt einen Sicherheitsservice, um sich vor böswilligen Bots zu schützen. Diese Seite wird angezeigt, solange die Website überprüft, dass Sie kein Bot sind.« Darunter eine Warteanimation mit dem Text »Verifiziere« und ein Cloudflare-Logo.
Komfortabler als ein Zebrastreifen-Suchspiel.

Für die Zukunft schwant mir derzeit aber Schlimmes: Mein Kampf mit Facebook war womöglich nur ein Vorspiel auf das, was uns noch erwartet. Mit immer besserer KI werden wohl auch die Menschentests ganz bewusst immer schwieriger und undurchsichtiger, bis selbst ihre Betreiber nicht mehr wissen, was Menschen eigentlich als Menschen identifiziert. Erst unlängst sperrte die Deutsche Bahn etliche Linux-Nutzer unter Botverdacht aus und konnte selbst nicht erklären, warum das so war.

Ein altbewährtes Mittel zum Ausfiltern von Bots speziell in Online-Formularen ist das Erfassen der Ausfülldauer. Die Logik dahinter klingt erst einmal schlüssig: Wer in nur wenigen Sekunden ein langes Formular ausgefüllt oder in ein Feld einen ellenlangen Text eingetragen hat, kann kein Mensch sein.

Aber ich bitte eindringlich darum, niemanden allein deshalb auszuschließen, denn lange Texte trage ich auch oft in einem Augenzwinkern ein – und zwar auf vollkommen menschliche Weise. In diesem Artikel erkläre ich, wieso ich so schnell bin und daran auch nichts ändern will.

Copy & Paste ungleich Spam

Die magische Formel, die mir einen Textwulst ins Formularfeld zaubert, lautet Strg. + V, ist also jene Tastenkombination, welche den aktuellen Inhalt der Zwischenablage einfügt. Alternativ komme ich natürlich auch ohne Tastatur aus, indem ich einen rechten Mausklick in das Textfeld mache und dann »Einfügen« anklicke. In beiden Fällen vergeht so gut wie keine Zeit.

Ganz ungeachtet dessen, ob ich jetzt aus Fleisch und Blut oder aus Bits und Bytes bestehe, könnte Kopieren und Einfügen natürlich den Verdacht erwecken, dass ich ein Spammer bin, der ein- und denselben Text in Schotflintenmanier überall im Internet verteilt … oder ein Schummler, der irgendwo fremde Texte kopiert und als seine eigenen ausgibt. Insofern muss ich zugeben, dass eine Zeitkontrolle oder eine Überwachung von Tastenanschlägen durchaus hilfreich sein kann, um auch solche Schandtaten einzudämmen.

Unschandtäter wie ich kommen dabei allerdings zu Unrecht unter die Räder. Mein harmloses Motiv in aller Kürze: Ich schreibe einfach lieber in einem anderen Programm, üblicherweise in einem einfachen Texteditor.

Texteditor Kate mit mehreren geöffneten Dateien. Im Fokus ist die Datei social_media.txt, in der man Textvorlagen für WIESOSO-Social-Media-Beiträge sieht.
Keine unterschiedlichen Schriftfarben. Keine unterschiedlichen Schriftarten. Kein Schnickschnack. Einfach nur ein Texteditor. (Derzeit ist das bei mir Kate mit vielen ausgeblendeten Zusatzfunktionen – einfach, weil das auf meinem Linux-System schon vorinstalliert war –, aber Windows’ rudimentärer Editor würde es grundsätzlich genauso tun.)

Eine Instanz meines Editors habe ich ohnehin immer geöffnet, um jederzeit spontane Notizen zu verwalten zu können. Damit erklärt sich auch schon der erste Vorteil dieser Methode: Im Gegensatz zu den vielfältigen Formularen in Web bietet mir mein Texteditor eine vertraute Oberfläche, die immer gleich aussieht und immer gleich funktioniert.

Textwand in der Schießscharte

Jetzt könnte man hinterfragen, was es da schon groß für Unterschiede gibt, wenn sowohl mein Texteditor als auch die meisten Formularfelder nichts außer einfachen, unformatierten Text verarbeiten können. Mehr als Zeichen und Zeilenumbrüche einzutippen, kann man schließlich weder hier noch dort machen.

Aber der wohl offensichtlichste Unterschied ist die Darstellung, insbesondere die Größe des Textfeldes. In meinem Texteditor kann ich diese naturgemäß auf den gesamten Bildschirm ausweiten, aber im Web bin ich oft auf ein mickriges Feldchen beschränkt, in das ich kaum einen ganzen Satz hinein bekomme, ohne scrollen zu müssen.

Ein Extrem-Beispiel ist das Feld für Alternativ-Texte bei Instagram, also für Texte, die den Inhalt eines Bildes insbesondere für Menschen mit Sehbehinderung beschreiben. Da ich auf Instagram vor allem bildlich aufbereitete Ausschnitte aus meinen Artikeln teile, muss ich dort in der Regel den ganzen dargestellten Textausschnitt, eine Beschreibung eines eventuell vorhandenen Bildes und einen Hinweis auf meinen Blogartikel unterbringen. Zur Verfügung habe ich dazu aber nur ein einzeiliges Textfeld mit einer Länge für circa vier Wörter. Ich kann zwar wesentlich mehr hineinschreiben, sehe allerdings jeweils nur einen winzigen Happen davon.

Instagram-Beitrag mit Foto, auf dem ich Brille verkehrt auf der Nase trage, mit dem Text »Schaut auf den ersten Blick vielleicht gar nicht mal so verkehrt aus, wie es sich mangels guten Halts anfühlt«, darunter ein Hinweis auf den zugehörigen Artikel. Rechts daneben kann man in einem Textfeld den zugehörigen Alternativ-Text bearbeiten, aber aus Platzgründen ist darin momentan nur folgendes lesbar: ›…gener Brille. Darunter der Text: » Sc…‹.
Ein Bild, ein Text und ein Hinweis auf meinen Blog-Artikel sollten allesamt im Alternativ-Text unterkommen, aber mehr als vier Wörter passen nicht in die Schießscharte, die mir (rechts unten) dafür zur Verfügung steht.

Die meisten anderen Textfelder im Web, über die ich so stolpere, sind zugegeben besser als dieses totale Desaster, aber auf eine vollkommen inkonsistente Weise. Manche werden automatisch größer, sobald man das Feld vollgeschrieben hat, andere nicht. Manche lassen sich manuell größer ziehen, andere nicht. Und manchmal scheint das manuelle Größerziehen von den Webentwicklern auch gar nicht getestet worden zu sein und zerschießt das gesamte Layout.

Ein Textfeld, dessen rechte untere Ecke schraffiert ist. Der Mauszeiger über diesem Eck hat die Form eines Doppelpfeils angenommen, der nach links oben und rechts unten zeigt.
Ein schraffiertes Eck deutet an, dass man ein Textfeld durch Ziehen vergrößern kann. Dieses konkrete Beispiel stammt aus dem Deutschen Schriftstellerforum, in dem längere Texte entgegen sonstiger Dreizeiler-Trends naturgemäß gerne gesehen sind.

So viel Platz wie in meinem Texteditor bekomme ich jedoch nirgends – schließlich müssen Webseite und Webbrowser auch noch andere Elemente am Bildschirm unterbringen. Und als jemand, der schriftlich gerne seine mündliche Wortkargheit überkompensiert, fehlt mir dieser Platz.

Obendrein ist mir bei kleinen Textfeldern meistens unklar, was passiert, wenn ich die Enter- oder die Return-Taste drücke. Meinen Lesern zuliebe bringe ich in meinen Wortschwall gerne etwas Struktur in Form von Absätzen hinein. Und auch bei kurzen Texten ist so ein Zeilenwechsel oft sinnvoll, zum Beispiel nach einer Grußformel. Aber kleine Textfelder sind darauf oft nicht ausgelegt und senden stattdessen direkt das Formular ab – mit dem dann unvollständigen Text.

Textfeld, in dem momentan folgender Text steht: »Zeilenumbruch oder nicht Zeilenumbruch, das ist hier die Frage …« Rechts daneben ein Button bzw. Link mit dem Titel »Posten«.
Wieder auf Instagram: Was passiert wohl, wenn man jetzt die Enter-Taste drückt? Auflösung: Der Beitrag wird direkt abgesendet, aber ersichtlich ist das nirgends.

Randbemerkung: Üblicherweise schafft man es in solchen Feldern trotzdem in eine neue Zeile, wenn man gleichzeitig die Umschalttaste gedrückt hält. Enter allein und Umschalt + Enter erzeugen nämlich genaugenommen zwei unterschiedliche, leicht verwechselbare Steuerzeichen. Aber sich anzugewöhnen, immer und überall die Umschalttaste gedrückt zu halten, nur um nicht irgendwo einmal versehentlich etwas vorzeitig abzusenden, ist auch keine Lösung.

Fehler! Zurück zum Start.

Irrtümlich zu früh abgesendete Texte sind natürlich nicht das einzige Problem, das bei Online-Formularen auftreten kann. Noch ärgerlicher sind mühsam ausformulierte Texte, die gar nicht erst beim Empfänger ankommen und sich danach auch nicht wiederherstellen lassen.

Und das Risiko, dass das passiert, ist beachtlich, weil ganz unterschiedliche Fehler zu einem solchen Verlust führen können:

  • Die Website könnte einen Programmierfehler haben.
  • Die Website könnte vorübergehend nicht erreichbar sein.
  • Die Website könnte mich zwischenzeitlich ausgeloggt haben.
  • Meine Internetverbindung könnte unterbrochen worden sein.
  • Mein Browser könnte abgestürzt sein.
  • Mein Betriebssystem könnte abgestürzt sein.
  • Ich könnte das Browserfenster oder den Tab irrtümlich geschlossen haben.
  • Ich könnte einen spontanen Hardware-Defekt haben.
  • Ich könnte einen Stromausfall haben.
  • Mein PC könnte sich spontan Beine wachsen lassen und davonlaufen.

Schon in den 2000ern war mir öfters zum Heulen zumute, wenn ich mal wieder eine Stunde lang an einem Beitrag für mein Lieblingsforum gefeilt hatte, stolz auf »Absenden« klickte … und dann plötzlich alles weg war. So hatte ich mir im ersten Schritt einmal angewöhnt, längere Texte vor dem Absenden in die Zwischenablage zu kopieren, um sie notfalls von dort aus wiederherstellen zu können. Für nicht ganz so lange Texte mache ich das auch heute noch so.

Aber weil die Zwischenablage auch nicht bei allen der genannten Fehler erhalten bleibt, gehe ich für längere Texte mit meiner Editor-Lösung auf Nummer sicher. Dort speichere ich die Datei regelmäßig ab, wodurch sie immer in einer relativ aktuellen Version auf meinem lokalen Datenserver liegt. Da müsste schon einiges gleichzeitig schief gehen, um trotzdem noch den gesamten Text zu verlieren. Und sollten sich tatsächlich PC und Datenserver gleichzeitig Beine wachsen lassen und mir davonlaufen, werden mich ohnehin andere Gedanken plagen.

Quaderförmiges Gerät mit einem Einschaltknopf und drei grünen Lichtern mit den Beschriftungen »Status«, »LAN«, »Disc 1« und »Disc 2«.
Sollte mein Rechner plötzlich Feuer fangen, liegt die Textdatei immer noch sicher auf diesem Datenserver. Sollte dagegen der Datenserver Feuer fangen, habe ich die Datei immer noch im Arbeitsspeicher auf meinem Rechner. Sollten beide gleichzeitig abbrennen, bin ich selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nur noch ein Häufchen Asche.

Wenn nur Formularfelder da sind

Abgesehen von meinem Texteditor-Fetisch gibt es auch andere Programme, in denen ich gelegentlich Texte schreibe, bevor ich sie dann in Formularfelder kopiere. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Formularfelder von vornherein nicht das ideale Werkzeug für die jeweilige Aufgabe sind.

Ein Beispiel sind E-Mails. Will ich eine E-Mail verfassen, wechsle ich intuitiv erst einmal in mein E-Mail-Programm und beginne dort zu schreiben. Mitunter sehe ich aber erst später, dass derjenige, dem ich schreiben will, auf seiner Website gar keine E-Mail-Adresse zum Kontakt bereitstellt, sondern bloß ein Kontaktformular, in das ich meinen fertig verfassten Text dann hinüber kopieren muss.

Das sind typischerweise Formulare, die das Rad neu erfinden – in schlechterer Form. Statt dass meine Absender-Adresse wie in meinem E-Mail-Programm automatisch mitgesendet wird, muss ich sie selbst noch einmal separat eintragen. Und statt dass ich automatisch einen Versand-Nachweis mit vollem Text und Versand-Zeitpunkt in meinem E-Mail-Programm habe, muss ich mich voll und ganz darauf verlassen, dass alles funktioniert und ich gnädigerweise vielleicht sogar eine Versandbestätigung bekomme.

Ein anderes Beispiel sind Anträge. In unserem Unternehmen TETRAGON schreiben wir oft Förderanträge für Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die naturgemäß Informationen aus verschiedenen Fachbereichen enthalten müssen – von der Technik bis zu den Finanzen. Dementsprechend sind da üblicherweise auch mehrere Personen aus unserem Team ins Schreiben involviert.

Wenn wir einfach nur ein PDF-Dokument hochladen müssen, liegt es an uns, wie wir das erstellen. Aber nicht selten gibt es stattdessen für jedes Thema ein separates Textfeld – in Kombination mit nur einem einzelnen Account, mit dem man auf das alles zugreifen kann. Da bleibt uns als Team kaum etwas anderes übrig, als die Texte erst einmal anders zu schreiben und dann vom Account-Inhaber in die Formulare kopieren zu lassen.

Ich bin schnell, weil ich langsam bin

Ironischerweise kann ich mein hyperschnelles Formularausfüllen zum Teil auch damit begründen, dass ich langsam bin. Würde ich im Zehnfingersystem immer meine erstbesten Gedanken herunter tippen und sofort auf »Absenden« drücken, wäre selbst unter widrigen Umständen nicht allzu viel verloren und ich könnte recht rasch wieder etwas ähnliches aus dem Boden stampfen.

Aber so schreibe ich nicht. Spießigerweise nicht einmal dann, wenn ich jemandem eine private Kurznachricht schicke. Ich denke einen Satz schon dreimal durch, bevor ich die erste Taste drücke. Ich mache alle paar Worte eine Pause, reflektiere noch einmal über das Geschriebene, bessere Tippfehler aus und grüble über das nächste Textstückchen. Am Ende lese ich alles noch mindestens ein- bis zweimal durch und verbessere Inhalte und Formulierungen.

Und gelegentlich lasse ich einen Text auch mehrere Stunden oder Tage ruhen, lese mit etwas Abstand noch einmal darüber, und sende ihn erst dann ab. Nur wenige Formulare unterstützen es, den Text zwischenzeitlich zu speichern, und ich will mich nicht darauf verlassen müssen, dass das funktioniert.

Besonders dumm wäre es, wenn mir in Zukunft auch noch das Ergebnis dieser Sorgfalt zum Verhängnis wird. Schließlich schreibt KI heutzutage sorgfältiger ausformulierte Texte als die meisten Menschen. So werde ich womöglich bald nicht nur wegen meines scheinbaren Tempos, sondern auch wegen meines gewissenhaften Schreibstils als vermeintlicher Bot ausgesperrt.

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