Warum zerknüllen wir Papier?

Altpapier vor dem Wegwerfen zu zerknüllen, ist eine offensichtliche Platzverschwendung. Warum machen wir es trotzdem?

Zerknülltes Blatt Papier neben einem unzerknüllten Blatt.

In manchen Beziehungen bin ich unnötig pedantisch. Wenn ich etwa ein bedrucktes Blatt Papier nicht mehr brauche, dann falte ich es oft fein säuberlich – Ecke auf Ecke, Kante auf Kante, die bedruckte Seite innen und die Falte mit dem Fingernagel schön glattgestrichen –, nur, um das Ding anschließend in den Papierkorb zu werfen.

Um herauszufinden, ob ich damit allein bin, habe ich etwas für mich ganz Neues ausprobiert: die Umfragefunktion auf Twitter. (Wie berichtet, bin ich erst seit kurzem aktiver Twitter-Nutzer.) Das Ergebnis: Ganze 100 Prozent der Teilnehmer falten Papier vor dem Wegwerfen. Ich bin also nicht allein. Das ist aber auch schon alles, was ich aus dieser Umfrage mitnehmen konnte. Es hatte nämlich nur eine einzige Person teilgenommen.

Screenshot from Twitter survey. Question: What are you doing with a printed sheet of paper (no sensitive data) before throwing it away? Answers: 0%: I tear it up. 0%: I make a paper ball. 0%: I leave it as it is. 100%: Other.
Wie diese absolut repräsentative Umfrage mit der Stichprobengröße n = 1 beweist, faltet jeder sein Altpapier vor dem Wegwerfen. Den Rest dieses Artikels zu lesen, ist daher sinnlos. Zerknülltes Papier ist ein Gerücht!

Zumindest von einem früheren Chef ist mir in Erinnerung, dass er gelegentlich mal ein Blatt zerknüllt hatte. Und ich glaube, das als Kind und Jugendlicher auch noch des öfteren getan zu haben. Aber warum?

Die Wissenschaft hat keine Antworten

Um dieser weltbewegenden Frage auf den Grund zu gehen, habe ich erst einmal ein wenig recherchiert. Man mag es kaum glauben, aber es gibt überraschend viel Fachliteratur über zerknülltes Papier. Vieles davon befasst sich mit der Geometrie solcher Papierknäuel. Wissenschaftler aus Brasilien kamen etwa zu dem Schluss, dass die Struktur dem Gehirn von Säugetieren ähnelt. Man könnte also sagen, dass wir beim Zerknüllen erst unser Hirn nachbilden, um dieses Abbild anschließend in den Müll zu werfen. Eine herrliche Analogie!

Interessant ist auch ein Kapitel aus einem Fachbuch, in dem man dazu angehalten wird, ein zerknülltes Blatt auf mindestens fünf Seiten zu beschreiben – und zwar aus der Perspektive des Papiers. Klar, das kann natürlich auch eine vollkommen naheliegende Motivation zum Zerknüllen sein, ist aber wohl nicht die Antwort, nach der ich gesucht hatte. Wenn ich mich schon so einfühlsam mit einem Papierball beschäftige, kann ich den kleinen Racker doch im Anschluss nicht einfach wegwerfen!

Letztendlich konnte mir meine kleine Recherche nichts liefern, was mich weiter bringt. Also bleibt es mir nicht erspart, für diesen Artikel doch mein eigenes Nicht-Papier-Hirn zu bemühen.

Auf den Kontext kommt es an

Wie immer ist der Kontext entscheidend. Papier gibt es schließlich in allen möglichen Formen und für alle möglichen Anwendungsfälle.

Was ich persönlich nach der Benutzung immer zerknülle, sind Papiertaschentücher. Diese stattdessen fein säuberlich zu falten und flachzudrücken, ist aus naheliegenden Gründen nicht empfehlenswert. Ein voluminöser Knitterball schafft dagegen eine beruhigende Distanz zur Füllung in der Mitte.

Klopapier falte ich dagegen schon vorsichtig, um auch die Rückseite nutzen zu können. Aber keine Sorge: Das beschreibe ich hier nicht im Detail – und auf die sonst zahlreichen Fotos in meinen Artikeln verzichte ich hier ausnahmsweise auch.

Dieser Artikel soll sich auch gar nicht um Hygienepapier drehen, sondern um Büropapier. Aber auch da mache ich in meinem Alltag Unterschiede je nach Kontext:

  • Daheim lasse ich es komplett unangetastet, weil ich es gemeinsam mit alten Zeitschriften in einem Regalfach statt einem Papierkorb sammle.
    Regalfach voll Altpapier, im unteren Bereich Verpackungen und Küchenrollenreste, darüber gestapeltes Papier.
    Ein Teil meiner heimischen Altpapiersammlung. Für zerknülltes Papier wäre hier nicht viel Platz.
  • Im Büro falte ich es einmal in der Mitte und rolle es etwas ein, weil der Papierkorb dort einen Deckel mit einer viel zu kleinen Öffnung für ganze Blätter hat. Dieser Kontext könnte eigentlich auch zum Zusammenknüllen einladen.
  • Papiere mit datenschutzrelevanten Informationen stecke ich im Büro in den Schredder. Bin ich dagegen daheim, zerreiße ich sie in Handarbeit in feine Streifen, weil ich bis heute verabsäumt habe, mir einen eigenen Reißwolf zuzulegen.
  • Erlagscheine zerreiße ich nach dem Online-Bezahlen in der Mitte, damit ich mir merke, dass sie schon bezahlt sind. Ich werfe sie zwar ohnehin wenige Minuten nach dem Überweisen weg, aber wenn ich gerade recht zerstreut bin, weiß ich manchmal nicht mehr, was ich vor einer halben Minute getan habe. Auch hier könnte Zerknüllen eine funktionierende Alternative sein.
    Zerrissenes Schreiben mit Erlagschein von Wiener Wohnen.
    Zerrissen als eindeutige Kennzeichnung, dass das Geld überwiesen ist. Mein Wissen wird beim Zerreißen praktisch auf das Papier übertragen. Hätte ich den Erlagschein stattdessen zerknüllt, würde er laut brasilianischen Wissenschaftlern jetzt obendrein meinem entlasteten Gehirn ähnlich sehen.
  • Papierreste, die nach viel Herumschneiden übrig bleiben, zerknülle in der Regel sogar ich, weil ich sonst oft nicht weiß, wie ich diese Schnipsel und Streifen sonst auf ein Mal in die Hand nehmen soll. In der Regel bleibt dieses Knäuel zwar auch nur mäßig beisammen und ich lege ungewollt eine Spur zum Mülleimer, aber eine schlechte Lösung ist immer noch besser als keine Lösung.

    Dieser Punkt könnte auch der Grund sein, warum ich aus Kindheit und Jugend mehr Zerknüllen in Erinnerung habe. Statt zu basteln und zu schneiden verbringe ich heute schließlich wesentlich mehr Zeit mit Dokumenten, Formularen und Erlagscheinen. So ein Erwachsenenleben ist manchmal deprimierend.

Wie viel Platz braucht Papier?

Im Anreißer habe ich schon vorweggenommen, dass zerknülltes Papier Platzverschwendung ist. Immerhin erzeugt man beim Zerknüllen Lufträume, die sonst nicht vorhanden wären. Beim zerknüllten Taschentuch ist das so gewollt, um Abstand zu schaffen, aber bei sauberem Büropapier ist das auf den ersten Blick nur eine ungünstige Begleiterscheinung.

A4-Blatt gefaltet und A4-Blatt zerknüllt. Das zerknüllte Papier beansprucht deutlich mehr Volumen.
Falten ist platzsparender als zerknüllen.

Dass zerknülltes Papier mehr Platz benötigt, ist wahrscheinlich keine überraschende Erkenntnis. Wenn ich mich wie im ersten Satz dieses Artikels schon als unnötig pedantisch bezeichne, muss ich an dieser Stelle auch meinem Ruf gerecht werden und das Ganze in konkrete Zahlen gießen.

Ein A4-Blatt hat Abmessungen von 21 mal 29,7 Zentimetern und eine Dicke von ca. 0,01 Zentimetern. Das ergibt ein Volumen von rund 6,2cm³. Mein hochprofessionell zerknülltes Beispielblatt hat Daumen mal Pi eine Seitenlänge von 5,5 Zentimetern – das ergibt grob ein Volumen von 166,4cm³. Das ist etwa das 27-fache.

Oder um es anschaulich in der wichtigsten Volumeneinheit des Internets auszudrücken: Um eine Badewanne zu füllen, benötigt man entweder 841 Blatt zerknülltes Papier oder 22.707 Blatt glattes. Zumindest für diesen konkreten Anwendungsfall würde ich aber aus physikalischen Gründen zum zerknitterten raten. Darin lässt es sich nämlich deutlich leichter eintauchen.

Auch sonst könnte die Physik gelegentlich für das Zerknüllen sprechen. 27-mal seltener den Papierkorb leeren zu müssen, klingt zwar sehr attraktiv, ob die Reinigungskraft im Büro das genauso sieht, ist aber eine andere Frage. Wenn ich mein Altpapier glattgestrichen ansammle und dann auf einen Schwung entsorge, muss sie schließlich einen massiven Zellulose-Ziegel mit dem 27-fachen Gewicht wegschleppen.

Verstand oder Emotion

Nun habe ich ohne Unterstützung von Fachliteratur also doch einige praktische Punkte gefunden, die für das Zerknüllen sprechen könnten:

  • Es kann Verschmutzungen im Inneren halten.
  • Es passt in kleine Öffnungen.
  • Es markiert den Inhalt deutlich als erledigt oder hinfällig.
  • Es hält kleinteilige Papierreste (einigermaßen) zusammen.
  • Es verhindert, dass man zu viel Gewicht ansammelt.

Als weiterer Punkt fällt mir noch ein, dass man zerknülltes Papier werfen kann. Das ist etwa praktisch, wenn man am Arbeitsplatz nicht den mühsamen Marsch von drei Metern bis zum nächsten Papierkorb auf sich nehmen will. Auch sinnvolle Zweitverwertungen werden so möglich, zum Beispiel um den gelangweilten Kollegen am anderen Ende des Besprechungstisches wieder aufzuwecken.

In vielen Fällen gibt es vielleicht gar keinen praktisch-technischen Grund, sondern nur einen psychologischen. Papiergeräusche sind etwa in der ASMR-Szene sehr beliebt, weil sie bei vielen Leuten ein Kribbeln auslösen. Deshalb gibt es auf YouTube unter anderem ein Video, in dem 50 Minuten lang zerknitterte Heftseiten glattgestrichen werden.

Die weniger esoterischen Zerknitterer verstehen es wahrscheinlich mehr als symbolischen Kraftakt. So wie ein hungriger Tiger seine Zähne in die Beute rammt, rammt ein wütender Papiertiger seine Finger in die falsch ausgefüllte Steuererklärung.

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Kommentare

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Michael Treml, 2020-08-30 17:52:

Dankeschön! Ich werde mich bemühen, in meinen Artikeln weiterhin diesen schmalen Grat entlang zu gehen.

Die Sache mit Reinschriftseiten klingt spannend. Wenn ich bedenke, wie oft ich heute längere Texte ausbessere und umschreibe, bevor ich sie als fertig betrachte, kann ich mir schon nur noch schwer vorstellen, wie ich in meiner Schulzeit noch Texte mit Füllfeder schreiben konnte. An mechanischen Schreibmaschinen hatte ich nur privat ein paar Mal herumgespielt. Den Frust über einen Tippfehler auf einer fast fertigen Seite kann ich da gut nachvollziehen.

Bisherige Kommentare

  • Anonym

    sehr amüsant! ich muss sämtliche Papierreste und Paketfüllpapier glätten, damit unsere Tonne nicht schon zur Hälfte der Abholzeit überquillt.

  • Tony T

    Toller Artikel, sehr lustig! Ich hab grad geschaut, ich zerknülle mein Papier nicht, damit ich den Korb nicht so oft in den Hof runtertragen muss. Eine Ausnahme sind die Sackerl vom Bäcker, weil sich die ein bisserl kleiner zerknüllen lassen und weil ich möglicherweise unbewusst verhindern will, dass die Brösel rausfallen :)

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Tony T:

      Dankeschön!
      Ja, gutes Beispiel. Ich habe zwar meistens nur die Backstuben-Sackerl vom Hofer daheim, die ich wegen des großen Sichtfensters in den Restmüll statt ins Altpapier werfe – aber ich kann mich spontan gar nicht erinnern, was ich davor mit denen mache.

      • muvimaker

        Antwort an Michael Treml:

        Nach meinen Informationen gehörden diese Sackerl mit Sichtfenster mittlerweile zum Altpapier, weil das Fenster nicht - wie vermutet - aus Kunststoff, sondern aus einem wiederverwertbaren Material (irgendeine Stärkeart) besteht. Ohne Brösel - versteht sich.

        • Anonym

          Antwort an muvimaker:

          Und noch etwas fällt mir dazu ein, obwohl ich das Wort ungern gebraucht, doch hier passt es: Geil, geil und nochmals geil. Ich wäre niemals im Leben auf die Idee gekommen das Volumen eines Blatt Papiers zu berechnen. Ok, das Gewicht ist kein Problem, steht normalerweise auf jeder Packung, aber dann noch zu berechnen wie hoch die Seitenanzahl für eine gefüllte Badewanne (glatt gestrichen/zerknüllt) ist - das war das Tüpfelchen auf dem i (oder der feine Grat zwischen Genie und Wahnsinn).

          Ein Grund für das Zerknüllen fällt mir noch aus meiner Schulzeit ein: Reinschriften. Man musste eine Maschinschreibseite so oft schreiben, bis sie tatsächlich fehlerlos war. Dass dabei etliche Seiten mit tausenden fehlerlosen Zeichen Futter für den Papierkorb waren, nur weil man einen Tippfehler gemacht hatte, konnte natürlich der Auslöser dafür gewesen sein, das unbrauchbar gewordene Papier nicht fein säuberlich abzulegen, sondern es (quasi, um seinen Frust abzubauen) zerknüllt in den Papierkorb oder sonst wohin zu werfen.

          • Michael Treml (Seitenbetreiber)

            Antwort an Anonym:

            Dankeschön! Ich werde mich bemühen, in meinen Artikeln weiterhin diesen schmalen Grat entlang zu gehen.

            Die Sache mit Reinschriftseiten klingt spannend. Wenn ich bedenke, wie oft ich heute längere Texte ausbessere und umschreibe, bevor ich sie als fertig betrachte, kann ich mir schon nur noch schwer vorstellen, wie ich in meiner Schulzeit noch Texte mit Füllfeder schreiben konnte. An mechanischen Schreibmaschinen hatte ich nur privat ein paar Mal herumgespielt. Den Frust über einen Tippfehler auf einer fast fertigen Seite kann ich da gut nachvollziehen.