Wie gut verstehen Jobplattformen Bewerber?

Zu Plattformen im Web gibt es den altbekannten Spruch: »Wenn man nichts bezahlt, ist man die Ware«. Vielleicht erklärt das, warum mir manche Gepflogenheiten auf Jobplattformen seltsam vorkommen.

Lebenslauf mit Stempel-Aufdruck »VERKAUFT«.

Eigentlich war ich ja auf dem Weg, Kapitän meines eigenen Schiffes zu werden … nicht wortwörtlich, sondern metaphorisch: Ich wollte mich selbständig machen. Aber nach einer kleinen Kursänderung habe ich in den letzten Monaten nun doch versucht, noch einmal als Teilzeit-Angestellter unter fremder Flagge anzuheuern.

Entsprechend meiner Expertise als Medieninformatiker suche ich nicht in versifften Hafenkneipen nach Arbeit, sondern auf Online-Plattformen. Und manchmal frage ich mich dabei, ob sich die Macher dieser Plattformen jemals selbst irgendwo beworben haben, denn an meinen Bedürfnissen geht die Benutzerführung oft seemeilenweit vorbei.

Wer sucht nach Stellenbezeichnung?

Das Konzept einer Jobplattform klingt in der Theorie ja recht einfach. Bin ich ausgebildeter Schiffskoch, suche ich nach ausgeschriebenen Stellen für Schiffsköche in meiner Region und bewerbe mich darauf. Vielleicht funktioniert das für manche Jobsuchenden auch so, aber bei den meisten ist das in der Praxis wahrscheinlich nicht der Fall.

Für mich ist es etwa ziemlich sinnlos, konkret nach einem Job als »Medieninformatiker« zu suchen, weil niemand eine Stelle unter diesem Wortlaut ausschreibt. Das liegt nicht etwa daran, dass meine Expertise so nützlich ist wie astrologisch unterstützte Homöopathie, sondern daran, dass das Studium der Medieninformatik einen sehr breiten Bereich abdeckt und für ganz unterschiedliche Jobs qualifiziert. So habe ich mich in den letzten Monaten unter anderem als »IT-Produktmanager«, »Prozessmanager«, »Software Consultant« und »Softwareentwickler« vorgestellt.

Jobplattformen gehen aber in der Regel davon aus, dass man nach einer konkreten Jobbezeichnung sucht. Auf der Startseite bekommt man oft nicht mehr zu sehen als nur zwei Suchfelder für Jobtitel und Ort. Würde ich da alle relevanten Jobbezeichnungen durchprobieren, die mir einfallen, wäre das die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Startseite von karriere.at. Zentrales Element ist ein Suchformular mit den zwei Feldern »Beruf, Begriff« und »Ort, Region, Bundesland«.
Typische Startseite einer Jobplattform (karriere.at). Für das Bedienkonzept sind offenbar Suchmaschinen Pate gestanden.

Ja, solche Suchen können in der Theorie durchaus sinnvoll sein, wenn man eine riesige Datenbasis durchstöbert. Die meisten Jobplattformen haben auch eine große Datenbank, aber als Jobsuchender schränkt man üblicherweise mindestens Ort und Ausschreibungsdatum recht eng ein. Dann bleibt nur noch wenig übrig. Mir genügt für gewöhnlich ein einziger Abend, um auf mehreren Plattformen sämtliche Teilzeit-Stellen in Wien aus der vergangenen Woche zu überfliegen. Eine Suche nach einer konkreten Stellenbezeichnung wäre mir bei dieser dünnen Basis mehr Hindernis als Hilfe.

Wenn man die Ausschreibungen schon fachlich einschränken will oder muss, ist die meistens ebenfalls vorhandene Filterung nach vorgegebenen Berufsfeldern sicher sinnvoller. Weil die Auswahlmöglichkeiten hier beschränkt sind, findet man so auch Ausschreibungen mit exotischen Jobtiteln.

Arbeitsumfang: zwei bis 32 Stunden

Ich war in den letzten Monaten auf der Suche nach einer Teilzeitstelle, weil ich diesen neuen Job auch mit anderen Tätigkeiten unter einen Hut bekommen will. Eigentlich würde ich ja meinen, dass die Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden für die meisten Arbeitnehmer ein ganz essentielles Thema ist. Aber Jobplattformen dürften das anders sehen.

Es beginnt schon damit, dass die grobe Unterscheidung zwischen »Vollzeit« und »Teilzeit« alles ist, was zur Auswahl steht. Auf karriere.at wird »Teilzeit« auch noch in eine gemeinsame Kategorie mit »geringfügig« geworfen – als wäre es für Jobsuchende ein und dasselbe, ob sie zwei Stunden oder 32 Stunden pro Woche arbeiten. Eine Plattform, auf der man nach einer konkreteren Stundenzahl filtern kann, ist mir noch nirgends untergekommen.

Menü »Anstellungsart« auf karriere.at. Menüpunkte: »Vollzeit«, »Teilzeit, geringfügig«, »Praktika«, »Lehre«, »Diplomarbeit, Dissertation«, »Freelancer, Projektarbeit«
Für karriere.at sind Teilzeitarbeit und Geringfügigkeit dasselbe.

Dummerweise schreiben auch nur die wenigsten Arbeitgeber in ihren Inseratstext, was sie sich unter »Teilzeit« vorstellen. Oft steht dort nur »Vollzeit oder Teilzeit«, aber dann sind sie fast schon beleidigt, wenn man tatsächlich nur 30 Stunden oder weniger arbeiten will. Eine verpflichtende Stundenangabe auf der Jobplattform könnte allen Beteiligten unnötige Mühen sparen.

Stattdessen ist der Arbeitsumfang aber auf den meisten Plattformen nicht einmal eine eigene Kategorie, sondern steht gemeinsam mit Dingen wie »Praktikum«, »Lehre« oder »Home Office« in einem Kraut-und-Rüben-Menü.

Menü »Status« auf job.at. Menüpunkte: Vollzeit, Teilzeit, Home Office.
Job.at packt eine faszinierende Auswahl an Optionen in ein gemeinsames Menü. Weitere passende Vorschläge von meiner Seite: Nachtarbeit, Mittagskantine, Betriebsrat, Gummiboot.

Alter des Inserats: acht Tage oder acht Monate?

Erschreckend ist auch, wie wenig Bedeutung dem Veröffentlichungsdatum eines Inserates auf vielen Plattformen gegeben wird. Devjobs.at ist die Krönung dieser Schöpfung: Hier wird überhaupt kein Datum angeführt, aber im Gegenzug kann man durch seitenweise Ausschreibungen stöbern, die als »bereits vergeben« und »inaktiv« markiert sind. In ihrem Logo hat diese Plattform noch »Beta« stehen – es gibt also zumindest Hoffnung, dass in Zukunft noch einiges besser wird.

Screenshot von devjobs.at. Nach ein paar Inseraten folgen weitere unter der Überschrift »Bereits vergeben« und neben jedem dieser Inserate steht »INAKTIV«.
Devjobs.at zeigt mehr vergebene als offene Stellen.

Auf manchen etablierten Plattformen wie jobs.derstandard.at und ams.at wird das Veröffentlichungsdatum zwar in der Übersicht der Suchergebnisse angezeigt, nicht aber im Inserat selbst. Das war für mich anfangs besonders ärgerlich, weil ich relevante Inserate laufend in meinen Favoriten sammle, bevor ich mich dann regelmäßig auf die interessantesten bewerbe. So hatte ich Inserate in meiner Sammlung, von denen ich nicht mehr nachvollziehen konnte, wie alt sie waren.

Die Jobplattform des AMS (Arbeitsmarktservice, vergleichbar mit dem deutschen Arbeitsamt) würde in vielerlei Hinsicht mal eine Generalüberholung brauchen. Suche ich dort nach allen Jobs in Wien, erhalte ich zwar mehr als 11.000 Ergebnisse, aber gleich das erste davon ist fünf Monate alt und weitere Ergebnisse auf der ersten Seite haben bis zu zweieinhalb Jahre auf dem Buckel.

Sieben Stellenausschreibungen mit bunt durchgewürfelten Veröffentlichungsdaten vom 08.01.2018 bis zum 09.07.2020.
Inserate aus dem aktuellen Jahr sind auf der Jobplattform des AMS keine Selbstverständlichkeit.

Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass diese Angebote wirklich veraltet sind. Aus einem früheren Job kenne ich die Plattform auch aus Arbeitgeberperspektive und wir hatten dort Inserate, die wir immer wieder neu freigeben konnten, wenn wir zum Beispiel Personal aufstocken wollten. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Veröffentlichungsdatum dann einfach nicht aktualisiert wird, aber für Bewerber hat das in jedem Fall eine extrem abschreckende Optik.

In der Regel kann man auf Jobplattformen – so auch beim AMS – nach der Aktualität sortieren oder filtern. Im Fall von Filterfunktionen ist man aber üblicherweise auf ein paar konkrete Vorgabewerte beschränkt, die nicht zwangsläufig den persönlichen Bedarf abdecken. Auf jobs.at kann man etwa nur auf 24 Stunden oder sieben Tagen einschränken. Als ob es egal wäre, wenn ein älteres Inserat nicht bloß acht Tage, sondern acht Monate alt ist.

Sortierung nach Irrelevanz

Eine eingeschränkte Auswahl im Aktualitätsfilter wäre nicht tragisch, könnte man die Ergebnisse alternativ auch nach ihrer Aktualität sortieren. Gerade auf jobs.at funktioniert das aber nicht. Noch schlimmer: Es ist nicht nachvollziehbar, wonach die gefundenen Inserate überhaupt sortiert sind. Es ist bloß offensichtlich, dass es nicht das Inseratsdatum ist.

Viele andere Plattformen machen es ähnlich wie soziale Netzwerke: Man kann zwar nach Aktualität sortieren, standardmäßig wird aber über irgendeinen unbekannten Algorithmus nach »Relevanz« sortiert.

Screenshot: Ergebnisse einer Jobsuche. In einem Drop-Down-Feld mit der Bezeichnung »Sortierung« ist »Relevanz« ausgewählt.
Jobs.derstandard.at macht im Gegensatz zu anderen Plattformen zumindest deutlich, dass standardmäßig nach »Relevanz« sortiert wird – was immer das auch heißen mag.

Vielleicht ergibt das Sinn, wenn man nach einer spezifischen Jobbezeichnung sucht – aber wie eingangs erläutert, halte ich genau das nur selten für zielführend. Suche ich bloß nach einer beliebigen Teilzeitbeschäftigung in Wien, wird mein Suchergebnis trotzdem nach »Relevanz« sortiert, obwohl es nichts gibt, wonach man eine Relevanz ermitteln könnte. Das »relevanteste« Ergebnis, das mir auf jobs.derstandard.at dann vorgeschlagen wird, ist drei Monate alt. Wahnsinnig relevant!

Wien oder Vienna? Und wenn ja: wie viele?

Neben Berufsfeld, Arbeitsumfang und Aktualität gibt es bei der Jobsuche noch ein weiteres Kriterium, das essentiell ist: der Arbeitsort. In der Regel wird das auch ganz gut gelöst, aber Ausnahmen bestätigen wie so oft die Regel.

Kleinere Makel finde ich als Österreicher vor allem auf internationalen Jobplattformen, die offensichtlich nicht ideal auf Österreich abgestimmt sind. So kann man etwa auf Indeed zwischen »Wien« und »Wien, W« unterscheiden. Wahrscheinlich ist mit W das gleichnamige Bundesland gemeint, aber weil dieses räumlich mit dem Ort übereinstimmt, sind »Stadt Wien« und »Stadt Wien im Bundesland Wien« identisch. Interessanterweise gibt es trotzdem für beide Begriffe eine unterschiedliche Anzahl an Suchergebnissen. Monster.at gibt mir in ähnlicher Manier »Wien« und »Vienna« (= Wien in Englisch) zur Auswahl.

Auswahlmenü mit den Optionen »Wien, W (1369)« und »Wien (220)«.
Wer auf Indeed mehr Wiener Jobs finden will, sollte im Wiener Wien suchen.

In beiden Fällen scheint diese Filtermöglichkeit aber erst auf, wenn man dann davor schon eine Freitextsuche durchgeführt hat. Es bleibt also zu hoffen, dass zumindest dann alle Wiener Jobs gefunden werden, wenn man in das entsprechende Suchfeld »Wien« eingetippt hat.

Eine Abenteuerfahrt im Stil von Odysseus ist die sogenannte »Geführte Suche« des AMS. Gebe ich dort keine konkrete Berufsbezeichnung an, kann ich mir die Jobs in Wien nur für jeden der 23 Bezirke einzeln ausgeben lassen. Aber darauf wird man auch nirgends hingewiesen. Solange man keinen Bezirk auswählt, wird einfach der Button nicht eingeblendet, mit dem man weiter kommt.

Links: Formular, in dem unter Bezirk »Bitte wählen Sie aus!« steht, am Ende des Formulars gibt es nur einen Button »ZURÜCK«. Rechts: Gleiches Formular mit der Angabe »1010 -Wien«, am Formularende gibt es nun auch einen Button »WEITER«.
Wer in der geführten Suche des AMS keinen konkreten Beruf angeben will, muss von einem Bezirk zum nächsten gondeln – anders geht es nicht weiter.

Fairerweise muss man aber erwähnen, dass das AMS diese »Geführte Suche« nur als Alternative zur primär beworbenen Freitextsuche anbietet. Diese funktioniert ganz verlässlich. Sucht man dort etwa nach »Informatiker Teilzeit Wien«, erhält man tatsächlich relevante Ergebnisse.

Allerdings ist man dort auch gezwungen, alles Wichtige in den Suchtext schreiben, denn die nachträglichen Filterfunktionen schließen sich gegenseitig aus. Suche ich nur nach »Informatiker«, kann ich nachträglich mit einem Klick nach Arbeitszeit oder Ort einschränken, aber nicht nach beidem gleichzeitig.

Zu wessen Nutzen?

Deuten die genannten Schwächen jetzt darauf hin, dass Jobplattformen sich eher an Arbeitgeber als Arbeitnehmer richten und Jobsuchende nur die Ware sind? Das ist natürlich schwierig zu beurteilen, wenn man die Arbeitgeberseite nicht im Detail kennt – und Arbeitgeber sind auch sehr unterschiedlich. Aber stellen wir mal ein paar Überlegungen an:

  • Mehrfachbezeichnungen für ein und denselben Ort könnten etwa zustande kommen, indem Arbeitgebern frei überlassen wird, wie viele Daten sie angeben und in welcher Form sie das machen. Füllt man Ort und Bundesland aus, kommt dann »Wien, W« heraus, beschränkt man sich auf den Ort, steht dort nur »Wien«. Wie das letztendlich bei potentiellen Bewerbern ankommt, wäre dann sekundär – die zahlen ja schließlich nichts.
  • Was konkrete Stellenbezeichnungen betrifft, kann ich aus früherer Erfahrung sagen, dass wir als Arbeitgeber genauso unsere Schwierigkeiten hatten. Wir suchten etwa abwechselnd nach »Telefonisten« und »Call-Agents«, um möglichst viele potentielle Mitarbeiter zu erreichen. Vorgegebene Tätigkeitsfelder sind also mitunter auch für Arbeitgeber nützlicher als nur konkrete Jobtitel.
  • Bezüglich Arbeitsumfang hätten wir auch als Arbeitgeber problemlos konkrete Zahlen angeben können. Und ich denke, da geht es den meisten Firmen ähnlich. In allen Bewerbungsgesprächen, zu denen ich in den letzten Monaten eingeladen wurde, konnte man mir sehr konkret sagen, was man sich erwartet – in den Inseraten stand das aber nur selten. Eine Pflichtangabe auf der Jobplattform könnte allen Beteiligten unnötigen Aufwand ersparen.

Aber da stellt sich die Frage: Will der Betreiber der Jobplattform das? Er will zwar die Arbeitgeber als Kunden zufriedenstellen, aber bevor er ihnen Qualität liefert, muss er erst einmal eine gewisse Quantität gewährleisten. Die Werbefloskel »Auf jedes Inserat erhalten sie mindestens 30 Bewerbungen« verkauft sich bestimmt besser als »Eines von zehn Inseraten findet auf Anhieb den perfekten Kandidaten – alle anderen gehen leer aus.«

Früher hatte ich öfters Werbung von einer Jobplattform erhalten, auf der sich potentielle Bewerber ähnlich wie auf der Datingplattform Tinder mit einem einzigen Fingerwisch bewerben können. Sollte ich jemals mehr als nur Badewannenkapitän werden, wäre das für mich als Arbeitgeber eine Horror-Vorstellung: hunderte Bewerber, die sich mitunter nicht mehr als eine Sekunde Zeit zum Bewerben genommen haben.

Sollte ich dann immer noch grübeln, auf wessen Bedürfnisse so eine Plattform in erster Linie ausgerichtet ist, wäre die Antwort klar. Es ist weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer, sondern der Plattformbetreiber.

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