Schreiben ist Denken. Aber was ist, wenn wir mit KI schreiben?

Weil ich in den letzten Jahren neben meinem Blog auch einen Roman geschrieben habe, für den ich derzeit auf Verlagssuche bin, habe ich unlängst meine Social-Media-Präsenz thematisch stärker in Richtung Schriftstellerei und Schreiben ausgerichtet. Dabei ist mir wiederholt ein Spruch untergekommen, der mir bis dato unbekannt war: Schreiben ist Denken.
Anlass zum Teilen dieser Phrase ist typischerweise jene Sau, die auch sonst derzeit durch alle Dörfer getrieben wird: generative künstliche Intelligenz. Weil diese in wenigen Minuten wohlformulierte Texte aus dem Boden stampft, ist es wenig überraschend, dass sich die schreibende Zunft zu der einen oder anderen Stellungnahme genötigt sieht, um das traditionelle Schreiben via natürlicher Intelligenz zu rechtfertigen. Aber tut sie das zurecht oder quaken da bloß die Frösche, weil man ihren Sumpf trockenlegen will?
Ich selbst hatte schon vor zwei Jahren meine Meinung zu solchen Systemen in die Welt hinaus gequakt. Nochmals in aller Kürze zusammengefasst: Unpersönliche, rein digitale Fantasie-Produkte nach Schema F, wie sie vor dem KI-Siegeszug schon wegen ihrer wirtschaftlichen Berechenbarkeit allgegenwärtig waren, werden es gegen künstliche Konkurrenz sicher schwer haben. Aber wenn ich etwa einen Bericht über meine persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Ohrwärmern schreibe, könnte die naturgemäß kopf- und ohrenlose KI bestenfalls halluzinierte Lügen dagegenhalten.
Während es damals vor allem um das Endprodukt ging, fokussiert sich der Spruch »Schreiben ist Denken« offensichtlich auf den Weg dorthin. Das ist ein guter Anlass für mich, auch noch einmal die aktuelle Sau im Dorf zu reiten und darüber zu schreiben, wieso das Schreiben mit KI im Hinblick auf das Denken so anders sein könnte als die klassische Variante.
Nicht nur Schreiben ist Denken
Nachdem das Thema meine Aufmerksamkeit erregt hatte, dauerte es nicht lange, bis ich auch die erste Gegenrede zum Spruch »Schreiben ist Denken« unter die Nase bekam. »Nicht nur Schreiben ist Denken«, hieß es da sinngemäß, schließlich könne man auch durch andere Tätigkeiten denken, etwa beim Konstruieren oder beim Komponieren.

Das ist wahr, aber ebenso selbsterklärend. Wenn ich sage »Hüte sind Kleidung«, kommt ja hoffentlich auch niemand zu der Schlussfolgerung, dass man ohne Hut automatisch nackt ist.
Insofern ist mir nicht klar, was der Anlass zum Herumposaunen dieser Weisheit war. Vielleicht gibt es irgendwo tatsächlich elitäre Schreib-Fetischisten, die unter dem Motto »Schreiben ist Denken« alles verächtlich machen, was nicht in Prosa- oder Gedichtform gegossen ist … aber mir wären solche Literatur-Extremisten bisher nicht untergekommen.
Selbstzweck Text
Ich bin auch selbst davon überzeugt, dass nicht jede Information gleichermaßen für einen ausformulierten Text geeignet ist. Wetterberichte, Wahl- und Sportergebnisse konnte man sich bestimmt auch vor dem ganzen KI-Gedöns schon mit technischer Unterstützung aus dem Ärmel schütteln, weil dafür formelhafte Mustertexte mit Platzhaltern reichen. Dementsprechend habe ich so ein Blabla aber auch nie gelesen, sondern mir bestenfalls die Kerninformationen in Diagrammen angeschaut. Heutige KI-Generatoren laden erst recht dazu ein, Text nur um des Textes Willen zu produzieren.

Bezüglich Bildgeneratoren hatte ich schon in meinem früheren KI-Artikel gequakt, dass ich der Technik gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen wäre, aber nur selten einen sinnvollen Anwendungsfall für meine Blog-Artikel finde. Schließlich will ich vor allem reale Anschauungsbeispiele liefern, die den Artikel bereichern, kein herbeifantasiertes Füllmaterial. Genauso will ich in meinen Texten meine eigenen Gedanken und Ideen transportieren, statt diese unter einem Berg aus generierten Floskeln zu vergraben.
Die Ironie an der derzeitigen KI-Entwicklung ist ja, dass diese parallel an zwei komplett entgegengesetzten Zielen arbeitet. Auf der einen Seite wird KI entwickelt, die wenige Worte auf seitenweise »Content« aufbläst, gleichzeitig wird auf der anderen Seite KI entwickelt, die seitenweise »Content« auf wenige Worte komprimiert.

Es mag ja sein, dass das manchmal gerechtfertigt ist, um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, aber in vielen Fällen könnte man sich den Umweg sparen und von vornherein kompaktere Daten austauschen.
Hinter jedem Wort ein Gedanke
Sowohl das Ausformulieren als auch das Zusammenfassen eines Textes mittels KI suggerieren, dass ein guter Teil der Worte bedeutungslose Floskeln sind. Aber bei einem wirklich guten Text sollte das nicht der Fall sein. Da sollte hinter möglichst jedem Wort eine konkrete Absicht stecken.
Man könnte sich zum Beispiel diesen Artikel hier zusammenfassen lassen, aber was dann schon mal ziemlich sicher unter den Tisch fallen würde, sind die Hinweise auf meinen früheren KI-Artikel, die dazu da sind, um diesen Text in einen größeren Kontext einzuordnen.
Auch kann man fix davon ausgehen, dass alle Wortspiele und sonstige Einlagen mit potenziellem Unterhaltungswert entfernt werden. Übrig bliebe eine trockene Liste von Fakten. Das klingt vielleicht im ersten Moment sinnvoll, würde aber gewaltig in die Irre führen, weil es den falschen Eindruck vermittelt, dass das hier ein komplett objektiver Fachartikel ist.
Meine Artikel sollen primär zum Nachdenken und Schmunzeln einladen, kein Glossar harter Fakten sein. Viele Sätze formuliere ich bewusst mit Relativierungen und unscharfen Begriffen, um klar zu machen, dass ich mich irren kann oder etwas nicht genau weiß. Vieles sind persönliche Erfahrungen und Meinungen, die man verfälscht, wenn man sie verkürzt oder aus ihrem Kontext reißt. Meine Artikel erreichen ihre Länge nicht deshalb, weil ich mir eine konkretes Längenziel gesetzt habe und Inhalte auf die Streckbank packe, bis sie dort hineinpassen, sondern deshalb, weil ich sie in kürzerer Form als unvollständig oder missverständlich empfinden würde.
Wenn wir jetzt statt des Zusammenfassens das Ausformulieren oder Generieren betrachten, stellt sich die Frage, wie eine KI mir all das abnehmen will.
- Woher soll sie wissen, wo ich mir unsicher bin?
- Woher soll sie meine persönlichen Erfahrungen und Meinungen in ihrem konkreten Kontext kennen?
- Woher soll sie wissen, was ich als vollständig empfinde?
Wenn ich der KI all das erklären muss, habe ich den Text schon selbst geschrieben. Wenn sie es dagegen frei erfindet, ist es genau das: frei erfundenes, gedankenloses und eventuell sogar inhaltlich falsches Füllmaterial.
Ideengenerator ersetzt keine Recherche
Jetzt muss man sich natürlich nicht gleich einen fertigen Text von KI aus dem Boden stampfen lassen. Viele Leute nutzen sie, um einmal Ideen oder ein grobes Grundgerüst zu generieren. Oder allgemein zur Recherche.
Zum Thema Recherche habe ich schon 2023 geschrieben, warum solche KI-Generatoren keine Suchmaschinen ersetzen können. Wesentlich für das Motto »Schreiben ist Denken« ist vor allem die Tatsache, dass einem mit dieser Methode jede Menge Kontext abhanden kommt.
Zielgerichtete Fragen beantwortet zu bekommen, ist zwar bequem, aber die richtigen Fragen zu stellen, ist alles Andere als trivial. So hatte letztes Jahr etwa ein Influencer-Pärchen von ChatGPT die korrekte Auskunft erhalten, kein Visum für ihre Reise nach Puerto Rico zu benötigen … wurde dann aber nicht ins Land gelassen, weil es weitere Voraussetzungen gab, nach denen sie nicht explizit gefragt hatten.
Sich wesentliche Informationen selbst aus einem größeren Ganzen heraus holen zu müssen, mag zwar mehr Arbeit sein, stellt aber sicher, dass man dabei einen Überblick über ebendieses größere Ganze bekommt. Auf einer klassischen Website hätten die gescheiterten Reisenden kaum übersehen können, dass es weitere Einreise-Bedingungen gibt.

Professor und Blogger David Wiley argumentiert in diesem Kontext auch, dass Schüler, die ihre Aufsätze von KI schreiben lassen und damit durchkommen, es nur deshalb so leicht haben, weil sie einfach die vom Lehrer kompetent formulierte Aufgabenstellung an die KI weitergeben. Sonst gelte grundsätzlich die Devise »garbage in, garbage out« – also: Wer Schrott eingibt, weil es etwa an notwendigen Fachkenntnissen mangelt, bekommt auch Schrott heraus.
Wenn ich persönlich einen Artikel wie diesen hier schreibe, starte ich üblicherweise immer damit, wesentliche Wikipedia-Artikel oder andere Webseiten zum Thema zu lesen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Nicht selten lerne ich im größeren Kontext Dinge, die mir gar nicht in den Sinn gekommen wären.
So habe ich etwa beim Schreiben meines Artikels über Laserdrucker nur über eine Randinformation zur Drucktechnik gelernt, warum mein billiger Drucker manchmal den Dienst verweigert – und habe das auch gleich in den Artikel eingebaut. Wenn ich dagegen die Google-KI zielgerichtet nach Nachteilen von Laserdruckern frage, kommen bloß die üblichen Allgemeinplätze, die bereits die Spatzen von den Dächern pfeifen. Einen Artikel abseits der altbekannten Trampelpfade schreibt man mit so einer KI-Vorgabe nicht.
Denken kostet Zeit
Im Zusammenhang mit Recherche erinnere ich mich auch an eine Psychologie-Lehrerin am Gymnasium, die uns seinerzeit dazu ermutigt hatte, Schummelzettel zu schreiben. Der Clou ist nämlich: Um den gesamten Prüfungsstoff wirksam auf das Wesentlichste herunterzubrechen, muss man sich so intensiv mit ihm beschäftigen und ihn so gut verstehen, dass man den Zettel für die Prüfung letztendlich gar nicht mehr braucht.

Genauso erarbeite ich mir beim Schreiben von Texten ein Wissen und ein Verständnis, das ich so nicht hätte, wenn ich mir einfach nur etwas von einer KI zusammenschustern ließe. Und das betrifft nicht nur die anfängliche Recherche-Phase, sondern den gesamten Schreib-Prozess.
Es ist schließlich nicht so, als würde ich nach dem Sammeln erster Informationen nur noch die Lücken zwischen meinen Stichwörtern mit grammatikalischem Kleister füllen, damit ein ausformulierter Text entsteht. Nein, ich bin laufend am Überlegen, wie die gesammelten Informationen in einem roten Faden zusammenpassen, ich hinterfrage ständig, was wirklich notwendig ist und was ich lieber weglasse, und ich recherchiere noch einmal nach, wenn ich mir beim Ausformulieren irgendwo doch unsicher bin.

Dann kommen noch die Ruhezeiten hinzu. Einen geschriebenen Text sollte man – sofern es die Zeit zulässt und die Qualitätsansprüche es erfordern – immer ein wenig liegen lassen und dann nochmals gegenlesen. In der Regel hat man dann etwas Abstand dazu gewonnen und erkennt textliche und inhaltliche Schwächen, die einem beim letzten Mal nicht aufgefallen sind.
Meine monatlichen Artikel hier entstehen über mehrere Wochen, an denen ich typischerweise nur samstags daran arbeite. Dazwischen gewinne ich nicht nur Abstand zum bereits geschriebenen Text, sondern oft auch zusätzliche Inspirationen – sei es durch thematisch passende Nachrichtenmeldungen oder als spontane Eingebung beim Laufen, beim Nasenbohren oder sonst wo.
Auch wichtige E-Mails, die nicht allzu dringend sind, lasse ich gerne mal ein oder zwei Tage im Entwurfsordner liegen, um dann vor dem tatsächlichen Aussenden noch einmal sicherzugehen, dass sie vollständig, korrekt und verständlich sind.
Beim traditionellen Schreiben von Hand drängt sich diese Sorgfalt regelrecht auf. Oft habe ich schon beim ersten Textentwurf hier und dort das Gefühl, dass irgendetwas holprig klingt, weiß aber vorerst nicht, wie ich es besser ausdrücken soll. Wenn ich es dann mit klarem Kopf überarbeite, fallen mir oft noch viel schwerwiegendere inhaltliche Probleme auf.
Ein KI-generierter Text, der sich vom ersten Entwurf an flüssig liest, lädt dagegen sehr dazu ein, ihn auch gleich auf die Welt loszulassen. Aber flüssig lesbar zu sein, heißt noch lange nicht, dass der Text auch inhaltlich stimmig und korrekt ist.
Politisch korrekte Denkverbote
Was man sich bei der Benutzung von KI auch vor Augen halten sollte, sind ihre bewusst eingebauten Denkverbote. Weil sich die meisten KI-Firmen nicht unnötig angreifbar machen wollen, sind ihre Systeme teilweise so politisch korrekt, dass es kafkaeske Züge annimmt. So erregten vor wenigen Jahren Bildgeneratoren Aufmerksamkeit, die so auf Diversität getrimmt waren, dass sie weibliche Päpste und schwarze Wikinger zum Besten gaben.
Oder eine persönliche Erfahrung: Bei der Arbeit zu meinem Artikel »Dichte Bärte, gute Werte« hatte ich mich dunkel an einen Spruch erinnert, der sinngemäß lautet: »Es gibt nur zwei Arten von Menschen ohne Bart: Frauen und Kinder.« Ich wollte nach der Quelle suchen, aber stattdessen musste mich erst einmal die KI-Funktion der Suchmaschine in einem ellenlangen Text darüber belehren, warum diese Aussage falsch und diskriminierend ist.
Wenn ich daran zurückdenke, dass ich in der Vergangenheit für rein fiktionale Texte auch schon zu Themen wie Atombomben und Suizid recherchiert hatte, muss ich mich wohl darauf gefasst machen, dass mir KI bei ähnlichen Unterfangen irgendwann einmal Besuch von den netten Leuten mit den Selbstumarmungswesten bescheren wird.

Meinen aktuellen Roman hätte ich wahrscheinlich gar nicht mit gängigen KI-Systemen schreiben können. Der Protagonist ist nicht nur suizidgefährdet, sondern obendrein Ich-Erzähler mit einem einseitigen und politisch inkorrektem Weltbild, das er erst im Lauf der Geschichte ein wenig korrigieren muss … Charakterentwicklung eben.
Nachdem – wie üblich im Technikbereich – vor allem die USA ganz vorne mitspielen, die zwar die wahrscheinlich größte Porno-Industrie der Welt haben, aber einen Herzinfarkt bekommen, wenn man an einer antiken Frauenstatue eine nackte Brustwarze sieht, sind zwischenmenschliche Intimitäten auch nichts, worüber es sich mit KI leicht schreiben lässt. Unlängst habe ich von einer Dame gehört, die eigene Kurse anbietet, um Autoren von erotischen Romanen beizubringen, wie sich diese Einschränkungen umgehen lassen.
Wer sich beim kreativen Schreiben zu sehr auf die gängigen KI-Systeme verlässt, läuft wohl in Gefahr, in Zukunft nur noch das literarische Äquivalent von 50er-Jahre-Heile-Welt-Heimatfilmen produzieren zu können.
Klar könnte man auch nach weniger reglementierten Systemen abseits der Platzhirsche Ausschau halten oder gar ein eigenes KI-Modell aufsetzen. Aber die Schnittmenge derer, die zu bequem zum Selbst-Schreiben sind, sich dann aber diesen Aufwand machen, dürfte überschaubar sein.
Korrektur: Gut, besser, mittelmäßig
Ganz abgeneigt bin ich KI beim Schreiben trotz allem nicht. Ich verwende sie sogar selbst, aber nur für sehr spezifische Anwendungsfälle ganz am Ende des Schreibprozesses.
Konkret verwende ich DeepL Write, um englische Texte auf ihre Form zu prüfen und mir Verbesserungsvorschläge zu machen. Ich übernehme aber nichts ungeschaut, sondern gehe jeden Änderungsvorschlag einzeln durch und bemühe mich, so auch dazuzulernen, sodass ich dieses Hilfsmittel in Zukunft idealerweise immer seltener brauche.
In Deutsch habe ich es bisher nur ein einziges Mal verwendet, um einen holprigen Satz für eine zeitnah zu versendende E-Mail zu entwirren. Lasse ich dagegen einen ausgereiften deutschen Text von mir überprüfen, sind die Vorschläge in aller Regel Verschlimmbesserungen, die zwar oberflächlich gut klingen, aber den Sinn oder die angestrebte Wirkung verzerren.

Das ist in meinen Augen generell eine Gefahr beim Einsatz von KI zur Text-Verbesserung. Sie sagt es einem üblicherweise nicht, wenn ein Text bereits gut genug ist, sondern macht grundsätzlich immer Änderungsvorschläge. Wenn man über keine angemessene Sprachkompetenz verfügt und blind auf die KI vertraut, kann das nach hinten los gehen.
Gut geschrieben, schlecht gesagt
Bei meinen englischen Überarbeitungen mit KI-Unterstützung hatte ich es eine Zeit lang zugegeben selbst ein wenig übertrieben. Für wissenschaftliche Texte hatte ich teilweise gehobene Formulierungen übernommen, die ich erst im Wörterbuch nachschlagen musste. Das Endergebnis waren Texte, die ich schon nach wenigen Monaten selbst nicht mehr komplett verstanden habe, ohne erneut zum Wörterbuch greifen zu müssen.
Auch das betrachte ich als eine generelle Gefahr beim Einsatz von KI zum Schreiben: Was nicht die eigene Ausdrucksweise widerspiegelt, kann früher oder später zu Unstimmigkeiten führen. Seine mutmaßlich eigenen Texte nicht mehr zu verstehen, ist dabei nur der Gipfel des Eisbergs.
Wer Texte abliefert, bei der die KI einem einen guten Teil des Denkens abgenommen hat, schürt damit eine Erwartungshaltung, die man nicht immer erfüllen kann. Ein Stückchen amateurhaft Selbstgeschriebenes in einem sonst glattgebügeltem Text sticht negativ heraus – ist aber wahrscheinlich essenziell, sonst hätte man es ja nicht selbst geschrieben.
Spätestens dann, wenn man sich einmal mündlich äußern muss und dabei wie ein komplett anderer Mensch klingt, der weder über das vorgegebene Wissen noch die vorgegebene Formulierungssicherheit verfügt, bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Wie soll man auch groß über Texte reden können, die einem selbst gerade mal fünf Minuten Arbeit wert waren? Je mehr man der KI überlässt, desto mehr wird man zum Leser statt zum Autor.
Oft sind persönliche Ecken und Kanten in Texten gar nicht so schlimm … oder sogar vorteilhaft. Ein Text, der künstlich mit Formalitäten aufgeblasen wird, schaut im schlimmsten Fall aus wie ein Mustertext, in dem man nur ein paar Wörter ausgetauscht hat. Ich lese lieber ein holprigen persönlichen Zweizeiler als einen vermeintlichen Serienbrief, in dem ich Empfänger Nummer 583 bin.
Wir können mit KI, weil wir ohne KI können
Ich denke, dass man KI in allen Phasen des Schreibens durchaus sinnvoll einsetzen kann, wenn man genau weiß, was man tut.
Allerdings sehe ich genau hier einen kritischen Punkt: Wir wissen, was wir tun, weil wir noch ohne KI zu schreiben gelernt haben. Effektive KI-Texter haben sich praktisch zu den Vorgesetzten der KI hochgearbeitet, indem sie das Schreibhandwerk von Grund auf bis zum Expertentum gelernt haben. Jetzt können sie sich darauf konzentrieren, das, was sie so gut beherrschen, nur noch zu überwachen und zu kontrollieren.
Wie so oft gilt: »A fool with a tool is still a fool.« (»Ein Depp mit einem Werkzeug ist immer noch ein Depp.«) Man muss das Werkzeug auch beherrschen. Und das Werkzeug ist in diesem Fall nicht nur die Software, sondern auch die Sprache. Wenn man schon ohne KI nicht gut texten kann, wird man mit Überwachen und Kontrollieren auch nur mäßige Ergebnisse erzielen.
Es mag zwar sein, dass dann ein oberflächlich hübsch klingender Text herauskommt, aber das allein ist noch reichlich wertlos. Ich als Nicht-Handwerker kann auf einer Werkbank wahrscheinlich auch schöne Löcher bohren, aber das nutzt nichts, wenn sie an den falschen Stellen sind.
Spannend wird es nun, wenn Stück für Stück Generationen nachkommen, für die KI von vornherein selbstverständlich ist. Man kann in jedem Fall sagen, dass das Denken beim Schreiben dann ein anderes als heute sein wird.
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